Tissot

Mai 31, 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Irgendwie ist das ja immer noch ein cooles Teil, meine alte Tissot Seastar Seven Visodate. Sie hatte mal ein Metallband, jetzt hat sie ein Krokoband. Man kann den Boden nicht aufschrauben, das Gehäuse ist aus einem Stück. Wenn man an das Werk will, muss man mit einem Spezialöffner das Plexiglas abnehmen, diese Konstruktion garantierte, dass die Uhr wasserdicht war. Tissots Schwesterfirma Omega hatte damals das Modell Seamaster, Tissot die Seastar. Die Erwähnung des Meeres musste sein, auch wenn die meisten Besitzer einer solchen Sportuhr sie nie den salzigen Fluten aussetzten. Bevor die Seastar auf den Markt kam, bot Tissot als Sportuhr das Modell Camping an (und in den 40er Jahren gab es schon eine Aquasport), eine robuste Uhr mit dem unverwüstlichen 27er Kaliber.

Tissot hatte damals noch eine andere wasserdichte Uhr im Programm, das Modell hieß T12. Das T stand für Tissot, das 12 für 120 Meter. Wenn Schweizer Firmen 120 Meter garantierten, dann war die Uhr wirklich wasserdicht. Ansonsten besagen diese Zahlen auf dem Zifferblatt wenig, wenn da 30 Meter steht, dann darf man sich mal gerade mit der Uhr die Hände waschen. Auf dem Boden der Seastar steht waterproof, und das war sie wirklich, da ich jahrelang mit ihr geschwommen bin. Was das Symbol auf dem Rückboden bedeutet, weiß ich nicht. Es könnte etwas Bootsähnliches sein. Beim Modell T12 ist eine Art spanischer Galeone auf dem Boden, könnte auch das Flaggschiff von Christoph Kolumbus sein.

Die außergewöhnliche Wassersportwelle und das große Interesse für das Fischen und Tauchen im Meer haben die Fabrik Tissot dazu veranlasst, eine Uhr zu etwickeln, welche die strengsten Anforderungen unter verschiedensten zeitlichen, örtlichen und beruflichen Bedingungen erfüllt, schrieb Tissot 1956 in einem Prospekt anläßlich der Lancierung des T12 Modells.

Zur Konfirmation hatte ich, wie Millionen aus meiner Generation, eine Junghans bekommen. Das Armband war aus Nylon und wurde unter der Uhr durchgezogen. Man konnte es jede Woche waschen, das war praktisch. Ich hätte die →Junghans wahrscheinlich heute noch, wenn sie nicht in einem →Bundeswehrmanöver unter einen Panzer gekommen wäre. Glücklicherweise war mein Arm nicht dran. Als ich Leutnant wurde, schenkten mir meine Eltern zu Weihnachten die Tissot Seastar Seven, automatisch und wasserdicht, sozusagen state of the art. Sie hat mich nie im Stich gelassen. Sie hat in den siebziger Jahren mal den Großbaum unseres Congers bei einem verunglückten Wendemanöver abbekommen. Seitdem sitzt das Werk etwas schief im Gehäuse, jeder Uhrmacher weist mich darauf hin. Macht aber nix, sie geht nach 50 Jahren immer noch zuverlässig.

Auf die Marke Tissot, die im 19. Jahrhundert im Rußlandgeschäft groß geworden war, lasse ich nichts kommen. Meine Schwägerin gewann als junges Mädchen bei einem Tissot Preisausschreiben eine Mexikoreise, damals hatte Tissot gerade eine Fabrik in Cuautitlan in Mexiko eröffnet. Meine Schwägerin trägt aber keine Tissot. Mein Bruder hat ihr einmal eine Omega geschenkt, ist ja die gleiche Firma. Mein Bruder bekommt zum medizinischen Staatsexamen von meinen Eltern eine Rolex, gottseidank eine Explorer, ein schlichtes Modell. Hat damals achthundert Mark gekostet. Für das, was ihm die Firma Rolex beim Kundendienst in den letzten Jahrzehnten an Geld abgenommen hat, hätte er zwei Dutzend Tissot Seastars kaufen können. In Gold.

Als es Omega in den zwanziger Jahren schlecht ging, schlossen sich Tissot und Omega zur Société Suisse pour l’Industrie Horlogère SA (SSIH) zusammen. Madame Marie Tissot pflegte noch Jahrzehnte später im Aufsichtsrat die Vertreter der inzwischen viel mächtigeren Konzernschwester Omega daran zu erinnern, wer sie damals gerettet hatte. Die Enkelin des Firmengründers, die wie ihr Bruder Paul noch in Russland geboren wurde, hat fünfundfünfzig Jahre für die Firma gearbeitet, deren Namen sie trug. Die Firmengeschichte von Tissot kann man in dem Buch Tissot: 150 Jahre Geschichte 1853-2003 von Estelle Fallet nachlesen, ein Buch, das leider nicht an die Qualität von Marco Richons Omega Buch heranreicht.

Omega und Tissot verwendeten häufig die gleichen oder ähnliche Werke. Dies ist das erste Automatikwerk (noch eine Hammerautomatik) von Tissot, das beinahe baugleich mit dem  Omega Werk 28.10 ist. Diese Baugleichheit wird man bei Tissot bis zu den neuesten Omega Werken beibehalten. Das Tissot 2940 ist nichts anderes als das Omega 1022. Auch die Quarzwerke der beiden Firmen werden die gleichen sein. Die Werke von Tissot sehen nicht besonders schön aus, den letzten Schliff, den die Omega Werke haben, den haben sie nicht. Aber sie sind robust.

Ein Werk, das Tissot in den 70er Jahren auf den Markt brachte, hat Omega nicht gebaut. Das ist das Kaliber 2250, beinahe nur Plastik. Lief unter dem Namen Astrolon und Sytal (Systeme Total d’Autolubrification). Hatte keine lange Lebensdauer. Die goldenen Taschenuhren, die die Tissots im 19. Jahrhundert dem russischen Zaren lieferten, können heute noch gehen (Tissot hat solche Uhren als Replikat wieder aufgelegt), ein Astrolon Werk aus den 7oer Jahren geht heute bestimmt nicht mehr. Mein Nachbar Uli hat mal versucht, seins zu reparieren. Zu dem Ergebnis sage ich lieber nichts.

Tissot hatte noch eine Sportuhrenlinie, die PR 516 hieß, Seamaster stand da auch häufig noch auf dem Zifferblatt. Was PR 516 bedeutet, weiß niemand so recht, das PR kann für präzise und robust oder particulièrement robuste stehen. Dies hier ist eine PR 516 GL, ein wunderbares 70er Jahre Monster. Man kann mit einem Blick sehen, dass zwischen Zifferblatt und Gehäuse ein Spalt ist. Das Zifferblatt (mit dem Werk) stößt also nicht ans Gehäuse. Diese Entkoppelung von Werk und Gehäuse finden wir in den 70er Jahren bei Sportuhren häufig, so zum Beispiel in der IWC Yacht Club oder der Zenith Defy. Aber man konnte eine solche Konstruktion auch schon preiswerter in der Junghans Trilastic bekommen.

Auch unter der Bezeichnung Seastar lief dieses Modell, das aber keine Verzierungen auf dem Stahlschraubboden hatte. Es war ein Chronograph (Handaufzug), in dem das Tissot Kaliber 872 tickte. Was nichts anderes als das Lemania 1277 war. Der Chronospezialist Lemania war 1930 zur Société Suisse pour l’Industrie Horlogère gekommen und versorgte seitdem Omega und Tissot mit Chronographenwerken.

Mein Chrono hat ein schönes Edelstahlband, und man muss sagen, dass Tissot in den sechziger und siebziger Jahren hrvorragende Armbänder hatte (bei der T12 kamen die sogar von Gay Frères). Ich kannte einen Rolex Besitzer, der seine Rolex mit einem Tissot Band versehen hatte. Sah beinahe so aus wie ein Rolex Band, war aber qualitativ besser. Über die Jahre habe ich eine schöne kleine Tissot Sammlung zusammengetragen. Was mir fehlt, ist diese rechteckige Uhr aus den dreißiger Jahren, aber da ich so viele rechteckige Uhren habe – unter anderem zwei rechteckige Moeris – ist das nicht so schlimm.

Die Firma Moeris erwähne ich deshalb, weil ich dadurch einen schönen Übergang zu den Taschenuhren von Tissot bekomme, denn Tissot hat Moeris Anfang der siebziger Jahre gekauft. Die Firma von Fritz Moeri war berühmt für ihre Taschenuhren, die im Zweiten Weltkrieg auch von der englischen Armee verwendet wurden. Moeris lieferte erstklassige Qualität, ihre Armbanduhren hatten schon in den 30er Jahren Stoßsicherung und Glucydurunruhe (die vom gleichen Hersteller kamen, der auch Eterna belieferte). Eine Armbanduhr ist berühmt beworden, als es der Firma schon schlecht ging, und sie keine Top Qualität mehr lieferte. Und das ist die James Bond Uhr, sie können Sie in dem Post 007 sehen. Die Taschenuhrproduktion – Tissot ist heute einer der wenigen Hersteller, der noch Taschenuhren anbietet – wanderte zu Moeris. Die auch eine Modellreihe mit der Bezeichnung Moeris Grand Prix offerierten, aber das hatte nichts mehr mit der Qualität zu tun, mit der Moeris einst seine Grand Prix Modelle anbot.

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Gruen

Mai 21, 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Das Beste am Uhrensammeln sind die Geschichten, die man dabei zu hören bekommt. Man muss ein gut trainiertes Pokerface haben, um sich alle Lügen der Händler ungerührt anzuhören. Oder um nicht über einen Professor der Altphilologie zu lachen, der dem Uhrmacher versichert, dass er seine Uhr jeden Morgen zur gleichen Zeit aufzieht, zwanzig Mal rechtsrum. Aber jetzt geht sie nicht mehr. Er hat sie jeden Morgen umsonst aufgezogen, es war eine Quartzuhr, die nur eine neue Batterie brauchte. Ich  habe mit der Zeit schon einige dieser Geschichten hier erzählt, wie die von dem Uhrmacher in Alaska, der seinem Kunden empfiehlt, die Taschenuhr von ↝Charles Fasoldt in die Mülltonne neben der Tür zu werfen. Oder die wunderbare Geschichte, die am Anfang des Posts ↝Militäruhren steht.

Leider ist das Uhrensammeln zu einer eintönigen Sache geworden. Auf den Flohmärkten ist nichts mehr, bei ebay gibt es viel, aber das kann man nicht in die Hand nehmen und ans Ohr halten. Dann gibt es diese sogenanten Sammler, die mit einem Luxusschlitten bei den Auktionen von Dr. Crott vorfahren (wenn ich 10 Euro für jeden Fehler in seinen luxuriös gedruckten Katalogen bekommen würde, wäre ich ein reicher Mann) und sich etwas ersteigern, was teurer ist als die Spitzenerzeugnisse aus Untertürkheim. Und es dann in den Safe packen. Als ich vor vielen Jahren einen Hersteller von Uhrenbewegern fragte, weshalb er die meisten Modelle mit Batterien liefere, sagte er: für den Safe. Ich muß ihn völlig verständnislos angeguckt haben, als er mir erklärte, dass sich Millionäre so was kaufen, damit ihre Automatikuhren mit ewigem Kalender sich im Bankschließfach drehen können. Ich glaube fest, dass die Auktionspreise, die sie bezahlen, eigentlich Strafsummen für Dummheit und schlechten Geschmack sind.

Am unteren Ende des Antikuhrengeschäftes sind die Flohmarkthändler, die heute für schrabbelige Dugenas aus den siebziger Jahren dreistellige Eurosummen fordern, früher hätten sie die verschenkt. Der Antikuhrenmarkt war ja der erste Markt, der bei der Umstellung auf den Euro eins zu eins umgerubelt hat. Was auf den Flohmärkten völlig verschwunden ist, sind seriöse Händler mit seriöser Ware, da bekommt Sedlmayrs Verlust der Mitte eine neue Bedeutung.

Ich möchte heute eine kleine Geschichte erzählen, die mit der amerikanischen Uhrenmarke Gruen zu tun hat. Gegründet von dem Deutschen Dietrich Grün (hier der Firmensitz Time Hill im altdeutschen Stil in Cincinnati), wurde die Firma schnell zur größten Uhrenfirma Amerikas. Grün, der sich in Amerika Gruen nannte, ließ sich seine Rohwerke in Biel bei Aegler bauen (die Familie Gruen hatte auch Aktienanteile an Aegler) und veredelte sie in seiner ↝Precision Factory. Die steht heute noch, allerdings steht heute der Name Rolex auf dem Gebäude. ↝Rolex war ebenso wie Gruen Kunde bei Aegler, heute gehört ihnen die Fabrik.

Da Gruen und Rolex in vielen Fällen die gleichen Rohwerke von Aegler geliefert bekamen, gibt es heute eine Vielzahl von Fälschern, die ein Gruen Werk zu einem Rolex Werk umfrisieren.

Das betrifft vor allem dieses Werk der Rolex Prince, das sich genauso in Gruen Uhren findet. Aber auch in einer Alpina ticken kann. Dr Ranfft, der die besten Seiten zu Uhrwerken im Internet hat, sagt dazu: In der Zeit der Alpina-Gruen-Gilde 1929-1937, an der auch Rolex beteiligt war, gab es sicher keine wesentlichen Preisunterschiede zwischen den baugleichen Modellen der drei Marken – heute schon. Wer sich heute für ein mit Alpina und/oder Gruen signiertes Exemplar entscheidet, spart eine Menge und hat dazu die Gewähr, daß er keine auf Rolex umsignierte Uhr bekommt.


Meine kleine Gruen Geschichte führt Sie heute nach New York:

Georg ist untröstlich. Da wollte er mir etwas aus New York mitbringen und dann das. Nicht, dass er jeden Tag in New York wäre. Er hat die Reise auf der Queen Elizabeth II beim Englischen Tag in Flottbek 1998 gewonnen, wo er mit seiner Mannschaft ↝Cricket gespielt hatte. Hatte zwei Lose gekauft, wie man das so tut. Und sie dann vergessen. Wochen später ruft jemand von dem Organisationsbüro an und fragt, ob er die Lose nicht einlösen wolle? Also ist er mit Bärbel über den Atlantik, ich habe ein Photo von ihm, wie er mit ↝Dinner Jacket beim Captain’s Dinner sitzt. Ich hatte ihm gesagt: Bring mir eine alte Gruen Curvex mit, vierziger Jahre. Kriegste für fünfzig Dollar. 

Hat mir mein Hamburger Händler R. gesagt. Den habe ich auf dem Flohmarkt kennengelernt, er hat tolle alte Uhren. Fliegt einmal im Jahr zu den großen Jahresversammlungen der National Association of Watch and Clock Collectors. Kauft groß ein, Uhren sind damals in den USA billig. Verkauft sie dann hier teuer weiter. Er hat mir sogar eines Tages eine Jahresmitgliedschaft der NAWCC geschenkt. Bin ich immer noch Mitglied, muß man als Uhrensammler sein. Ich hatte mal eine Gruen Curvex von ihm, die zickte aber immer rum, da habe ich sie gegen eine alte ↝IWC getauscht. Na ja, ich musste was dazubezahlen.

Also, Georg hat an die Gruen gedacht. Hatte auch ein schlechtes Gewissen, weil er zweimal meinen Geburtstag vergessen hatte. Ist aber nicht in einen kleinen Laden in einer Seitenstraße rein, sondern in Time Will Tell von Stewart Unger in der Madison Avenue. Das Mekka der Uhrensammler. Die haben ganz andere Preise. Die haben ihn nicht gerade ausgelacht, weil er eine Gruen für 50 Dollar haben wollte, die waren da sehr höflich. Mr Unger, der auch ein Buch über amerikanische Armbanduhren geschrieben hat, hat ihm eigenhändig Farbkopien von den Modellen gemacht, die er im Laden hatte. Und mit feiner Schrift Modelle und Preise dazugeschrieben. Alles im vierstelligen Bereich.

Stewart Unger hatte in den frühen 70er Jahren begonnen, alte amerikanische Armbanduhren auf Flohmärkten zu kaufen, zu Preisen von fünf bis zehn Dollar. Niemand sammelte damals Armbanduhren: I was buying watches and putting them in the apartment. I didn’t even know why I was doing it. Als ein Jahrzehnt später das Sammeln von Armbanduhren chic wurde – wahrscheinlich wollte man statt der seelenlosen neuen Quarzuhren wieder etwas Tickendes am Arm haben – stand Unger gut da. Jetzt konnte er an die Uhren, die er für fünf Dollar gekauft hatte, ein Preisschildchen mit einer vierstelligen Summe hängen.

Und das wollte Georg nun doch nicht ausgeben, wo er gerade die vielen Trinkgelder auf der Queen Elizabeth II bezahlt hat, die waren im Losgewinn nämlich nicht drin. Aber irgendwie hat er jetzt ein schlechtes Gewissen. Andererseits muß er zugeben, dass der Besuch bei Mr. Unger ein wirkliches Erlebnis bei dieser Reise war. Besser als das Captain’s Dinner. Ich habe dann den Gedanken mit der Gruen aufgegeben. Spätestens als mir R. eine weißgoldene Movado Curviplan von 1934 verkauft hat. Bei ihm hätte ich mich ja Jahr für Jahr in Versuchung bringen lassen, er ist der ideale Händler: er versteht etwas davon, er hat Uhren, die kein anderer hat. Und er macht mir akzeptable Preise, manchmal Freundschaftspreise. Aber irgendwann ist das alles leider vorbei. R. wurden seine ganzen Uhren geklaut, als er auf einer Uhrenmesse mal kurz seinen Stand verließ.

Ich besitze eine einzige Gruen, aber das ist keine amerikanische Gruen, es ist eine Genfer Gruen. In der Uhr ist das Werk 415R (natürlich von Aegler). Hochfein mit Breguetspirale, Glucydurunruhe, Stoßsicherung und verschraubtem Decksteinplättchen für das Ankerrad. Das 18-karätige rosegold Gehäuse kommt von einem Genfer Gehäusemacher. Die Uhr heißt Gruen Genève und stammt aus der Zeit kurz nach dem Ende des Krieges. Da wollte Gruen an den europäischen Luxusmarkt ran, hatte eine Dependance in Genf eröffnet, damit man Genève aufs Zifferblatt schreiben durfte. Sie sind sofort von der berühmten Genfer Firmen verklagt worden, die Angst vor dem amerikanischen Riesen hatten (damals verkaufte Patek, wenn’s hoch kam 2.000 Uhren im Jahr, Gruen dagegen 200.000). Aber das oberste Schweizer Gericht gab Gruen Recht, sie durften das Modell Gruen Genève in Genf bauen.

Meine Gruen Genève sieht aus wie eine alte Vacheron, sehr flach, sehr groß, sehr stylish. Der damalige Besitzer hat 1951 in der Schweiz dafür 800 Mark auf den Tisch gelegt, für einen Hunni mehr hätte er eine Patek kaufen können. Es ist bei Uhren immer schön, wenn man ihre ganze Geschichte kennt. Ich will lieber nicht erzählen, dass ich diese schöne Uhr für’n Appel und‘en Ei gekauft habe. Wenn die Händler nix davon verstehen, warum soll ich sie da aufklären? Ich finde leider kein Bild im Internet von meinem schönen Modell. Gruen scheint die Sache mit den Luxusuhren schnell aufgegeben zu haben, später schreiben sie Genève auf alle möglichen Uhren.

Und dann habe ich zum Schluss noch eine kleine Uhrengeschichte mit einer goldenen Gruen, die vielen unbekannt sein mag. Sie kennen diese Dame aus dem ersten James Bond Film, da heißt sie Sylvia Trench. Was trägt James Bond am Arm, wenn er sie kennenlernt? Nicht die fette Rolex, die ihm der Produzent Cubby Broccoli für die Dreharbeiten geliehen hatte, nein, eine goldene Gruen mit dem Kaliber 510. Bei manchen Sammlern heißt das Modell heute Sylvia Trench watch. Sean Connery hat die goldene Gruen übrigens in mehreren Filmen getragen, wir können sie auch in Goldfinger sehen, wenn er mit Oddjob kämpft und die Welt rettet. Kann man alles mit einer Gruen machen, dafür braucht man keine Rolex.

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Einfuhrzölle

März 15, 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein junger amerikanischer Uhrmacher steht am Anfang seiner Karriere, da kommt der Bürgerkrieg. Als guter Patriot meldet er sich freiwillig und tritt in ein Bostoner Infanterieregiment ein. Er könnte dieser Mann sein, weil der auf dem vor kurzem entdeckten ↝Photo stolz seine Uhr in der Hand hält. Aber er ist nicht der einzige Uhrmacher im Regiment, man merkt, dass Boston die Metropole der amerikanischen Uhrmacherei ist. Unser Uhrmacher, nennen wir ihn ↝Jones, überlebt den Krieg und geht danach zu der Uhrenfirma von ↝Edward Howard.

Die stellt hervorragende Uhren her. Der Kapitän Charles Dwight Sigsbee von der ↝USS Maine hatte eine besessen, die mit dem Schiff bei der Explosion im Hafen von Havanna unterging. Als ihm der Taucher seine Uhr am nächsten Tag wiederbringt, spült Sigsbee sie mit kaltem Wasser aus und gießt anschließend Öl hinein. Und schickt sie zur Firma Howard. Er weiß das alles, weil er schon mehrfach mit seiner Taschenuhr über Bord gegangen ist. Wo immer heute seine Uhr ist, sie wird wahrscheinlich immer noch gehen.

Unserem Mr Jones wird es nach einigen Jahren bei Howard zu langweilig, obgleich er da die schöne Positition eines superintendent hat. Er wechselt zu George P. Reed in Boston, der auf dem Gebiet von Erfindungen und Innovationen der führende Mann in Amerika ist. Dies hier ist eine seiner Uhren, ein Chronometer, in dem alles steckt. Auch die Firma von Edward Howard wird Erfindungen von Reed in ihre Uhren einbauen und das auf der Platine mit Reed’s Patent kennzeichnen.

Mr Jones, dem seine Eltern die exotischen Vornamen Florentine Ariosto gegeben haben, reicht es nicht, bei den besten amerikanischen Uhrenfabriken zu arbeiten. Er träumt von einer eigenen Uhrenfabrik. In Amerika kann er die nicht bekommen. Bei dem Boom der Uhrenindustrie findet er keine Uhrmacher mehr. Die Jahre nach dem Bürgerkrieg, von Mark Twain etwas ironisch als Gilded Age bezeichnet, sind die Goldgräberzeit der amerikanischen Uhrenindustrie. Jones lässt sich auf ein neues – vielleicht typisch amerikanisches – Abenteuer ein: die Gründung einer amerikanischen Uhrenfabrik außerhalb Amerikas. In einem Billiglohnland, wo man es versteht, Uhren zu bauen. Der Schweiz. Wo man schon massenhaft amerikanische Taschenuhren fälscht, dies hier ist eine davon. Auch wenn Sie nichts von Uhren verstehen, können Sie sehen, dass dies hier mit der Qualität von Howard und Reed nichts zu tun hat, da kann man auf die Platine schreiben, was man will.

Noch ein zweiter Amerikaner geht in die Schweiz, es ist Aaron Lufkin Dennison, den man den Vater der amerikanischen Uhrenindustrie nennt. Er will hier keine Uhren herstellen lassen, sondern nur Teile des Werks. Die Uhren werden dann in Boston bei der Firma Tremont zusammengebaut. Das Prinzip wird später die amerikanische Firma ↝Gruen übernehmen, die ihre Werke in der Schweiz bauen lässt. Man nimmt an, dass Aaron Dennison dem jungen Jones beim Aufbau seiner Fabrik behilflich gewesen ist. Er wird allerdings bald die Schweiz verlassen und in England die bedeutendste Firma für Uhrengehäuse aufbauen.

Aller guten Dinge sind drei, es gibt da noch einen Amerikaner, den es nach dem Bürgerkrieg in die Schweiz zieht. Er heißt Albert H. Potter, ich habe ihn schon in dem Post ↝Charles Fasoldt erwähnt. Er wird in Genf die qualitativ hochwertigsten und ästhetisch schönsten Uhrwerke bauen, amerikanische Uhrmacherkunst made in Switzerland. Die Firma, die Florentine Ariosto Jones gründet, wird eines Tages auch ein Uhrwerk bauen (Kaliber 71), das Ähnlichkeiten mit diesem Werk hat. Erstaunlicherweise macht Potter aber noch etwas ganz anderes.

Er wird Billiguhren unter den Markennamen Charmilles oder Charmilles Genève produzieren, die eine erstaunliche Konstruktion haben: Gehäuseboden und Basisplatine sind aus einem Stück. Potter hatte erkannt, dass der Markt nach preiswerten Taschenuhren lechzt. Jeder will jetzt eine Taschenuhr besitzen. Potter sagte über seine Uhr: the best watch you can buy for $ 4.00, vielleicht war sie das. Und vielleicht war sie sogar den billigen Dollaruhren in den USA überlegen, die jetzt in Amerika massenhaft hergestellt werden. Auch Mark Twain wird Geld in eine ↝Uhrenfabrik investieren. Er wird viel Ärger damit haben.

Was Dennison und Potter machen, damit will Jones nichts zu tun haben, er will Uhren von erstklassiger Qualität bauen. Hier haben wir eins seiner ersten Uhrwerke, das sich qualitativ leicht mit den Werken von Lange & Söhne messen kann. Die Gründung einer amerikanischen Uhrenfabrik in der Schweiz ist eine schöne Idee, die Sache hat nur einen kleinen Haken. Und das sind die Einfuhrzölle, die die USA während des Bürgerkrieges erhoben haben. Jones glaubt daran, dass die nach dem Krieg wegfallen werden. Sonderbarer Schwärmer, würden wir sagen. Wann verzichtet der Staat darauf, seine Bürger zu schröpfen? Die Sektsteuer wurde für die Schlachtschiffe von Wilhelm II erfunden, wir haben sie heute immer noch. Die USA denken gar nicht daran, die Einfuhrzölle aufzuheben.

Jones wird seine Firma in Schaffhausen International Watch Company nennen. 1869 gegründet, 1875 Konkurs. Einfuhrzölle. ↝Florentine Ariosto Jones reist (flieht?) zurück in die USA, handelt mit Uhren, bekommt eine Vielzahl von Patenten und ist danach für die American Steam Appliance Company in Sudbury bei Boston tätig. Die Firma, die er in Schaffhausen gegründet hat, existiert noch heute. Ihre ↝Uhrwerke für Taschenuhren haben einen legendären Ruf.

Drei Amerikaner, drei Geschichten. Schon früh im Jahrhundert hatte Dennison das System von ↝Eli Whitney auf den Bau von Großuhren angewandt, am Ende des Jahrhunderts bauen die Amerikaner bessere ↝Taschenuhren als die Schweizer. Heute bauen sie keine mehr. Ich hätte ja gerne eine Taschenuhr mit dem Kaliber Jones oder eine mit diesem seltenen Kaliber 71, das auch als Fischschwanz Kaliber bezeichnet wird und dem Potter Kaliber oben ein wenig ähnelt. Doch so etwas ist leider nicht mehr zu bekommen. Meine IWC Taschenuhr hat das Kaliber 52. Sie ist über hundert Jahre alt und geht immer noch genau.

Wenn Sie wissen wollen, wie der Bürgerkrieg für Florentine Ariosto Jones ausgesehen hat, sollten Sie diesen ↝Post lesen. Das ist einer der ganz wenigen Posts, der nicht original für diesen Blog geschrieben wurde. Der Artikel ist vor Jahren in leicht veränderter Form in der Firmenzeitschrift der International Watch Company Schaffhausen erschienen. Es steckt viel Recherche in dem Artikel, die IWC hat das damals freundlicherweise mit einem schönen Scheck honoriert.

Statistiken

Oktober 12, 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Waldi kommt aus der Eifel und bietet als erstes mal achtzig Euro, die Susanne ist blond und kauft Schmuck. Der Ludwig ist schon auf Händen nach Rom gelaufen, und der Horst sagt Hallöchen und duzt jedermann gnadenlos und macht den Damen abgeschmackte Komplimente. Die Experten verstehen ihr Handwerk, aber der Albert und die Frau Doktor werden nicht geduzt. Nur der Sven, der wird geduzt. Sie kennen wahrscheinlich die Beteiligten, sie alle sind Akteure in der erfolgreichsten Vorabendsendung des ZDF, die ➱Bares für Rares heißt. Das ist so etwas Ähnliches wie die Antiques Roadshow der BBC, eine Sendung, die der Inspector ➱Richard Poole in der Karibik vergeblich zu empfangen versucht.

In Bares für Rares kam letztens ein Medaillon mit dem Bild von Madame Récamier zur Auktion. Nichts wirklich Wertvolles, es war nicht aus dem 19. Jahrhundert und war nicht auf Porzellan gemalt. Aber die Händler waren von der Salondame ganz hingerissen und boten viel mehr, als das Medaillon wert war. Kommt mal vor, normalerweise bieten sie eher zu wenig. Obgleich sie nicht solche Experten sind wie Dr Heide Rezepa-Zabel, Albert Maier und Sven Deutschmanek, verstehen sie von vielen Dingen erstaunlich viel.

Von Taschenuhren verstehen die Händler ziemlich wenig. Der Ludwig erwähnt immer die schönen Rubine, aber die sind in jeder Uhr. Blaue ➱Saphire wären schon eher selten. Der Herr, der eine ungetragene goldene Assmann Taschenuhr mit Papieren und Originalkarton anbot, nahm sie indigniert wieder mit nach Hause. Die Gebote erreichten nicht einmal die Hälfte des Preises, den man für diese Uhr zahlen muss. Und der Mann, der hundertzwanzig Taschenuhren vom Flohmarkt anbot, hätte bei ebay viel mehr für das Konvolut bekommen. Die IWC Frackuhr aus Platin aus den dreißiger Jahren wurde nur wegen des Namens IWC verkauft. Der Daniel sagte, da sei ja nur ein Standardwerk drin. Der Daniel hat Kunstgeschichte studiert, hat aber nur einen M.A., manchmal vertut er sich in seinen Schätzungen um hundert Jahre. Das macht keinen guten Eindruck, aber sonst ist er sehr nett.

IWC und Standardwerk? Auf der Seite des ZDF steht: Diese Taschenuhr, eine sogenannte Frack-Uhr, ist zeitlich um 1935 zu datieren. Ein Indiz dafür ist, dass im Staubdeckel ein Steinbock-Control-Stempel existiert, der in der Schweiz erst ab 1935 eingeführt wurde. Warum es kompliziert machen? Man hätte ja auch einfach die Werknummer im Register nachschauen können. Bei diesem Werk mit Breguetspirale, Streifenschliff und perliertem Boden sind alle Räder unter Brücken und Kloben, alle Steine in Goldchatons, das Ankerrad hat ein verschraubtes Decksteinplättchen, ein Standardwerk würde ich so etwas nicht nennen.

Die flachen Taschenuhren der 30er Jahre waren ein verzweifelter Versuch der Taschenuhrindustrie, sich gegen die neue Mode der Armbanduhren zu wehren. In der Mitte der 30er Jahre werden zum ersten Mal ebenso viel Armbanduhren wie Taschenuhren verkauft. Aber in dieser Zeit des Schwanengesangs der Taschenuhr werden wunderbare kleine Werke gebaut. Wie dieses ➱ Hamilton Werk hier. Die Rubine in Chatons gelagert, ein verschraubtes goldenes Deckplättchen für das Ankerrad, eine Schwanenhals Feinregulierung. Und dann doch das Federhaus in Steinen gelagert, mehr geht nicht. Man hat Hamilton nicht zu Unrecht die Patek Philippe von Amerika genannt. Ich könnte hier auch noch meine flache Eterna von 1940 erwähnen, die schon eine Stoßsicherung und eine Glucydurunruh hat. Und als Tüpfelchen auf dem i: ein Ankerrad aus Gold. Doch solche Feinheiten erkennt die lustige Rasselbande von Horst Lichters Händlern nicht.

Aber zurück zu Julie Récamier. Als ich an dem Abend noch einmal auf die Zahlen der Statistik schaute, stellte ich fest, dass in den letzten Stunden 84 Leser den Post ➱Julie Récamier angeklickt hatten. Und in der Woche vergrößerte sich diese Zahl noch auf 249 Klicks. Es ist ein schöner Post, und er wird immer mal wieder in großen Zahlen gelesen. Wie letzte Woche. Allerdings muss ich auch sagen, dass der schöne Post über die Salonière auch auf Platz 5 der Google Ergebnisse ist, wenn man den Namen Julie Récamier eingibt. So nett diese Zahlenspielereien in der Google Statistik sind, ich beginne, dem Ganzen zu misstrauen. Denn meine französischen Leser sind plötzlich alle verschwunden. Zehn Monate überschwemmten sie die Statistik, jetzt sind sie alle weg. Von einem Tag auf den anderen. Kann das sein? Ich habe nichts Böses gegen Frankreich gesagt.

Vor Jahren hatte ich mal etwas Ähnliches, da hatte ich plötzlich tausende von Lesern aus der Ukraine. Und ich hatte da ➱Valentina Lisitsa (Bild) oder das ukrainische ➱Trio Scho noch gar nicht erwähnt. Erstaunlicherweise habe ich jetzt relativ viele englische Leser, so viele hatte ich noch nie. Nur die Zahl der norwegischen Leser bleibt konstant, die Norweger sind treue Seelen. Aber stimmt das alles? Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, heißt es. Niemand weiß, wer das zuerst gesagt hat, ➱Churchill war es wahrscheinlich nicht.

Aber es ist natürlich etwas dran, wir haben es gelernt, Statistiken zu misstrauen. Denken wir nur an den ADAC, und die Zahlen, die uns die deutsche Autoindustrie im  Abgasskandal geliefert hat, waren auch alle gelogen. Da halten wir uns lieber an Mark Twain, der in seiner Autobiographie gesagt hat: Figures often beguile me particularly when I have the arranging of them myself; in which case the remark attributed to Disraeli would often apply with justice and force: ‚There are three kinds of lies: lies, damned lies, and statistics.‘

Eternal Spring

April 15, 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Heute vor 260 Jahren ist die Malerin Rosalba Carriera gestorben, eine Meisterin der Pastellmalerei. Sie hat mit Miniaturen begonnen und hat Tabakdosen für Schnupftabak bemalt. Wenn Sie den Post ➱Dollarnoten, in dem man Joshua Reynolds mit seiner Schnupftabakdose sehen kann, gelesen haben, dann wissen Sie, welche Bedeutung diese Tabakdosen damals hatten. Dieses Bild von Rosalba Carriera heißt Frühling. Wohl wegen der Blumen. Ist aber nicht so recht überzeugend, wenn wir an ➱Botticellis schöne Frühlingsbilder denken.

Unser Frühling lässt noch auf sich warten. In England ist er offensichtlich schon weiter. Dies Photo hat mir die Daniela letzte Woche aus Richmond geschickt. Da gibt es, wie wir hier lesen können, ein Spring House, ein Haus für den Frühling. Mit viel mehr Flora als bei Rosalba Carriera. Bei dem Wort spring fiel mir eine Gedichtszeile ein, in der eternal spring vorkam, aber ich konnte sie nicht zuordnen. Ich testete das Internet und erfuhr, dass das Gedicht City of Eternal Spring von Afaa M. Weaver vor Jahren auf der Liste des amerikanischen Poetry Month stand. Und dass Medellín die City of Eternal Spring genannt wird. All das half mir nicht weiter.

Ich wollte es schon aufgeben, doch ich dachte mir, wenn ich das tue, dann schlafe ich schlecht. Und da hatte ich die Idee, meinen eigenen Blog zu testen.  Der ist ja schon eine Art Lexikon geworden. Und siehe da, da steht ein Gedicht, in dem sich eternal spring findet. In einem Uhrenpost, der den etwas rätselhaften Namen ➱Groschmann Dägi hat. Das Gedicht ist von Elizabeth Macklin, es wurde einmal im New Yorker abgedruckt. Den New Yorker las ich damals regelmäßig, weil ➱Peter Gutkind ihn mir immer zuschickte, wenn er ihn gelesen hatte. Ich fand das Uhrengedicht von Elizabeth Macklin damals sehr schön (Before they became mysterious and quartz, we longed to learn the workings of watches: eternal spring!) und schrieb es mir ab. Jahre später las ich in dem Schweizer Magazin Du ein Preisrätsel der IWC. Nicht in diesem Heft, das habe ich nur abgebildet, weil das ein sehr gutes Heft über ➱John le Carré ist.

In einem langen Text in dem Heft aus dem Jahre 1997 waren zehn Zitate versteckt, die sollte man herausbekommen. Mit Titel und Autor. Ich erkannte sofort das Gedicht von Elizabeth Macklin und dachte mir, dass niemand das kennen würde. Alles andere würde ein Klacks sein (war es nicht). Es war ein früher Sonntagmorgen, ich trank noch meinen Tee und begann gerade, mir eine Pfeife zu stopfen. Es wurde ein three pipe problem, wie ➱Sherlock Holmes gesagt hätte. Ich hatte keinen Computer, und ich glaube, mein Seminar hatte vor zwanzig Jahren auch noch keinen. Am Abend war meine Wohnung verwüstet, aber ich hatte beinahe alles gelöst. Am nächsten Tag war Einsendeschluss. Wenn Sie es selbst probieren möchten, hier ist der ➱Originaltext (aber bitte ohne Computer). Um die Geschichte kurz zu machen: ich war der einzige, der alles lösen konnte und gewann den ersten Preis des Jubiläumspreisrätsels der IWC. Diese Uhr da oben, auch nach zwanzig Jahren noch ein cooles Teil. Kostete damals beinahe so viel wie zwei ➱Rolex Uhren.

In den nächsten Jahren habe ich diese IWC GST, die extra für mich gemacht worden ist, in jedem Lyrikseminar einmal hochgehalten und den Studies gesagt, dass man so etwas nur gewinnen kann, wenn man ganz viele Gedichte liest. Und das war ja nicht gelogen. Und natürlich hätte ich das Lösen des Preisrätsels gar nicht erst angefangen, hätte ich nicht das Gedicht von Elizabeth Macklin erkannt. Dann hätte ich meine Pfeife geraucht, die ➱Zeit und den Observer gelesen. Aber nicht meine Bibliothek auf der Suche nach Zitaten verwüstet. Ich bin Elizabeth Macklin immer noch dankbar. Und ich habe diesen Post mit der IWC am Handgelenk geschrieben. Falls einer meiner Leser zufällig Elizabeth Macklin kennt, dann möge er ihr doch erzählen, dass es hier einen Blogger gibt, der ein Monster aus hochpoliertem Edelstahl am Arm hat, nur weil ihm die Zeilen Before they became mysterious and quartz, we longed to learn the workings of watches: eternal spring! so gut gefallen haben. Und deshalb gibt es heute ein Gedicht von der Frau, deren Lyrik der The New Yorker 1992 als graceful and halting, quartzlike in precision beschrieb. Es hat den Titel Wise:

I am in awe

of what I feel about you

if I let myself feel.

I have no argument with it.

I want to go on with this

marvel of not having

to disguise a thing:

I’ve gotten wise,

they used to say

in my parents’ generation

in another style,

as wise moved along over time

getting smaller and smaller,

farther outside, and outsized.

Like the music I used to run from the room from

as soon as it started to wail from the hi-fi

before I was ever in love,

eager for the outside opinion.

Desires change over time,

and myself, I am in awe,

and disguise one thing.

Mido Multifort Powerwind

Januar 24, 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 

Irgendein Leser klagt immer. Zu viel über ➱Schuhe, zu wenig über ➱Filme. Und so weiter. Über Uhren gab es lange Zeit nichts (➱Marinechronometer war das letzte), das wollen wir mal eben ändern. Also schreibe ich einmal über die Uhr, die in den letzten Tagen an meinem Handgelenk war. Eine Mido Multifort Powerwind aus den frühen fünfziger Jahren. Die Firma Mido, die der Schweizer Uhrmacher Georges Schaeren vor beinahe hundert Jahren gegründet hatte (wenig später wechselte sein Bruder Henri von der Omega zur Firma des Bruders), gibt es heute immer noch. Sie hat aber nichts mehr mit der alten Firma zu tun. Nach der Quarzkrise gibt es nur noch ganz wenige Uhrenfirmen in der Schweiz, die ein Familienunternehmen sind. Oder im Besitz der Gründerfamilie sind.

Als ich die Mido Multifort Powerwind kaufte, sagte ich zu dem Flohmarkthändler: Igitt, das Werk ist ja ganz schwarz. Es war nicht nur schwarz, es schimmerte auch noch leicht violett. Wenn man vergoldete Werke oder blitzblanke Werke aus Neusilber gewöhnt ist, dann ist dieses violette Schwarz richtig fies. Der Händler versicherte mir, dass die Uhr frisch vom Uhrmacher komme. Das erzählen einem auf dem ➱Flohmarkt alle Händler, aber da ich Herrn Brandt seit über zwanzig Jahren kenne, glaubte ich ihm. Er würde mich nicht betrügen.

Die schwarz-violette Farbe des Werks war eine Rhodinierung, eine Sonderausführung des Kalibers 917P, das Mido am Anfang der 1950er Jahre auf den Markt gebracht hatte. Es ist kein echtes Manufakturwerk, es wurde (wie viele andere Mido Werke) in Zusammenarbeit von Mido und der Firma AS (lesen Sie ➱hier mehr zu dieser Firma) entwickelt. Alle Automatikwerke von Mido sind durch diese Kooperation entstanden – bei Handaufzugwerken arbeitete Mido mit Peseux zusammen.

Wenn eine Uhrenfabrik ihre Werke von Firmen wie AS oder ETA (oder kleineren Herstellern) bezieht, dann lässt man sich den Namen auf die Platine oder den Rotor gravieren. Das ist ähnlich wie bei den Jacketts und Anzügen, die die ➱Herrenausstatter als Private Label verkaufen. Doch so etwas war Mido nicht genug, es musste schon etwas Besonderes sein, etwas, was die Konkurrenz nicht hatte. Wie ein schwarz rhodiniertes Automatikwerk. Oder ein Handaufzugswerk, das man mit Goldanker und goldenem Ankerrad bekommen konnte. So etwas gab es früher einmal bei Lange & Söhne, das ist schon etwas Besonderes. Dies Werk hier kommt übrigens von Peseux, es ist der Vorläufer von dem Uhrwerk, das heute in jeder ➱Nomos drin ist. Die Uhr ist ja neuerdings Kult. Wenn man schamlos ein Zifferblatt einer Lange Armbanduhr aus den 1930er Jahren kopiert und ein Peseux, das früher in jeder Dugena war, auf Manufakturwerk frisiert, dann braucht man nur noch eine gute Werbeabteilung.

Das Kaliber 917P gab es nicht nur in einer Sonderausführung mit schwarzer Rhodinierung, es gab es auch mit einer Incastar Feinregulierung. Die wird schon in dem Post ➱Rolex erwähnt, die hat mein Werk leider nicht. Aber da ich andere Uhren mit dieser Feinregulierung habe, vermisse ich sie hier nicht. Die Incastar Feinregulierung der Firma Portescap (die auch die Incabloc Stoßsicherung erfunden hatte) kam Ende der vierziger Jahre auf den Markt. Es ist eine geniale Konstruktion, bei der wir anstelle des Rückers und des Spiralklötzchens eine freischwingende Unruhspirale haben, die am Ende von zwei drehbaren Röllchen gehalten wird. Die Röllchen können Sie hier sehr gut sehen. Eine Vielzahl von Schweizer Firmen baute die Feinregulierung von Incastar in ihre Uhren ein, die sich aber à la longue als zu teuer erwies. Mido hatte diese Feinregulierung schon in dem Vorläufer des sogenannten Powerwind Werkes (das noch eine ➱Hammerautomatik war) verwendet. Denn die Multifort, die ein Automatikwerk besaß, wasserdicht, antimagnetisch und stoßgesichert war, gab es schon seit dem Jahre 1934. Ein solches Uhrwerk ist heute selbstverständlich, aber damals boten nur wenige Schweizer Firmen eine solche Uhr an.

Das 917P ist mit einer Incabloc Stoßsicherung und einer ➱Glucydur Unruhe ausgestattet. Es ist ein solides, robustes Werk, wenn Sie es einmal bei der Arbeit sehen wollen, dann klicken Sie ➱hier. Das Werk besitzt einen sehr effizienten Rotor, der das Werk beidseitig aufzieht. Dies ist die Rückseite des Werkes. Sie wird deshalb hier gezeigt, damit man die wirklich exzentrische Winkelhebelfeder bewundern kann (das ist das hellgraue Teil unter der goldfarbenen Mitte).

Das 917P ist nicht nur solide und robust, es ist auch ein sehr einfaches Werk. Es hat nichts von der konstruktiven Eleganz eines ➱EternaMatic Werks oder des ➱8541 der IWC. Man bewarb es 1954 mit der Aussage, dass die Automatikbaugruppe statt aus sechzehn Teilen nur aus sieben Teilen besteht. Aber diese sieben Teile arbeiten nach über sechzig Jahren noch hervorragend. Wenn Sie eine Rolex vom Anfang der fünfziger Jahre haben sollten, dann haben sie heute Probleme. Rolex repariert die nicht mehr und unterstützt den Sammler in keiner Weise (im Gegensatz zu Firmen wie ➱IWC und ➱Omega). Eine Mido Multifort Powerwind repariert Ihnen jeder Uhrmacher.

Es ist eine knuffige Uhr, für ihre Zeit mit einem 35 mm Gehäuse recht groß. Natürlich ist sie ganz aus Edelstahl und hat einen massiven Schraubboden. Dies Bild hier habe ich mir bei Dr Ranfft gemopst, ohne dessen ➱Verzeichnis aller Uhrwerke der Welt Uhrensammler verloren wären. Es gibt bei ihm auch ➱Auktionen mit vielen Uhren, die zu interessanteren Preisen als bei ebay angeboten werden. Meine Mido hat kein fieses graues Band, meine Mido hat ein schlichtes hellbraunes Lederband. Von Audemars Piguet, man gönnt sich ja sonst nichts. Ich habe das Band vor Jahrzehnten für fünf Mark auf dem Flohmarkt gekauft. Die AP Schließe war da nicht mehr dran, die hatte der Händler gerade für 150 Mark verkauft. Uhren zu sammeln, bringt einen in eine seltsame Welt.

Marinechronometer

November 6, 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

 

‚Weshalb ich hier noch nie über ➱Captain Cook geschrieben habe, weiß ich nicht, aber das kommt vielleicht noch einmal‘, habe ich in dem Post ➱Georg Forster vor drei Jahren geschrieben. Ich mache das mal heute wahr und schreibe ein wenig über Captain James Cook. Ich habe natürlich alles gelesen, was Georg Forster und der Matrose Heinrich Zimmermann aus Wiesloch (Bild) über Cooks Reise um die Welt geschrieben haben. Und noch ein klein wenig mehr. Ich habe nämlich vor Jahrzehnten einmal ein Seminar über ➱Herman Melvilles Südseeabenteuer und die Südsee in der amerikanischen Literatur gemacht und hatte mich damals ordentlich vorbereitet. Das steht, zusammen mit Beleidigungen von Frau Schavan, schon in dem lesenswerten Post ➱Georg Forster. Ich schreibe heute auch noch über Herrn Zimmermann, aber das ist ein anderer, ich glaube die beiden sind nicht verwandt.

Dieser Herr hier ist ein klein wenig eleganter als unser Matrose aus Wiesloch, es ist niemand anderer als der Kapitän James Cook. Was wären Neuseeland und Australien ohne ihn? Wir alle kennen die Geschichte seiner Entdeckungen, und wenn nicht, dann kann ich den hervorragenden deutschen Ausstellungskatalog James Cook und die Entdeckung der Südsee sehr empfehlen. Wir sehen auf diesem Portrait von Nathaniel Dance-Holland (der schon einmal in ➱18th century: Fashion erwähnt wird), dass Cook keine Taschenuhr trägt. Und auch im ganzen Zimmer ist kein Zeitmesser zu sehen. Dabei haben Uhren im Leben von Captain Cook eine wichtige Rolle gespielt, wie der australische Dichter Kenneth Slessor wusste:

Two chronometers the captain had,

One by Arnold that ran like mad,

One by Kendal in a walnut case,

Poor devoted creature with a hangdog face.

Dieses Bild von John Olsen ist eine ➱Hommage an Kenneth Slessor, dessen Gedicht Five Bells ihn zu einem riesigen Wandgemälde inspirierte, das heute das Opernhaus von Sydney ziert. Es ist ein abstraktes Bild, obgleich der Künstler sagt: I have never painted an abstract painting in my life und das Bild lieber als an exploration of the totality of landscape sehen will. Das neue Opernhaus in Sydney können wir auch in den letzten Szenen von Promised Land, einer Folge der ➱Inspector Morse Krimis sehen. Wenn Sie das etwas weit hergeholt finden, so habe ich doch einen Grund auf den Chief Inspector Morse hinzuweisen. Wir wissen, dass er Endeavour heißt, wie das Schiff von Captain James Cook. Und Schiff und Kapitän spielen auch in Kenneth Slessors Gedicht ➱Five Visions of Captain Cook eine Rolle.

Aber zurück zu Five Bells, dem bekanntesten und berühmtesten Gedicht von Slessor, ich zitiere einmal die erste Strophe:

Time that is moved by little fidget wheels 

Is not my time, the flood that does not flow. 

Between the double and the single bell 

Of a ship’s hour, between a round of bells 

From the dark warship riding there below, 

I have lived many lives, and this one life 

Of Joe, long dead, who lives between five bells.

Sie können das Gedicht ➱hier ganz lesen. Der Joe, der hier angesprochen wird, ist der Cartoonist Joe Lynch, der am 14. Mai 1927 betrunken von der Fähre im Hafen von Sydney fiel und ertrank. Wahrscheinlich wurde er in Tiefe gezogen, weil seine Manteltaschen voller Bierflaschen waren. Sie können ➱hier alles über diese Geschichte bei Lindsay Foyle lesen, einem australischen Cartoonisten, der an einem Buch über das Thema arbeitet.

Wenn ich heute über Kenneth Slessor (Bild) schreibe, dann muss ich vorausschicken, dass ich kein Fachmann für australische Literatur bin. Ich musste mal einen australischen Professor eine Woche lang betreuen, der von sich behauptete, dass er der größte Fachmann zum Thema australische Literatur sei. Aber das war eine Lüge. Ich erkannte sehr schnell, dass ich da einen veritablen Lügenbaron an der Backe hatte (ich habe das schon in den Post ➱Giovanni Morelli hinein geschrieben). Jahre später habe ich den Mann noch einmal wiedergesehen. Der Professor, bei dem ich damals Assistent war, stand eines Morgens käsebleich in meiner Bürotür und sagte: Jay, gehen Sie bitte mal vorsichtig auf den Flur und gucken Sie, wer da hinten auf dem Flur steht. Machte ich, und da hinten auf dem Flur war wieder unser Lügenbaron aus Australien. Mein Professor und ich verließen umgehend das Gebäude durch einen Hinterausgang.

Der nächste Australier, den ich kennenlernte, war der Dichter Les Murray (Bild). Als ich zu dem Leseabend ging, wusste ich schon einiges über ihn, denn ich hatte dieses gewaltige Versepos Fredy Neptune gelesen. Bevor ich es für drei Mark im Grabbelkasten fand, wusste ich nichts über Les Murray. Nach der Lektüre von Fredy Neptune, das es (glücklicherweise für viele Leser) zweisprachig gibt und dem Leseabend wusste ich mehr. Wenn Murray letztens statt ➱Bob Dylan den Nobelpreis bekommen hätte, es wäre vielleicht nicht unverdient gewesen.

Von der neuseeländischen Literatur weiß ich ein klein wenig mehr, weil wir an unserem Seminar mehrmals die Dichterin und Literaturwissenschaftlerin Judith Dell Panny als Gastprofessorin hatten. Das habe ich schon in dem Post über den neuseeländischen Dichter ➱C.K. Stead geschrieben, ein Post, der leider überhaupt nicht gelesen worden ist. Deshalb preise ich den heute noch einmal an. Und dann gibt es im Blog auch noch einen Post zu ➱Katherine Mansfield, der ein wunderbares Aquarell (dies hier) von dem jungen Maler Robert Bohnstengel zum Thema Kiwi enthält.

Australiens bedeutendster modernistischer Dichter Kenneth Slessor (hier als australischer Kriegskorrespondent im Zweiten Weltkrieg) ist in Deutschland so gut wie unbekannt. Die Dichter von down under haben es schwer, da kennt man eher Waltzing Matilda als die australische Moderne. Patrick White war der erste und einzige, der den Nobelpreis erhielt. Aber redet noch jemand über den? Man muss einer Seite wie ➱Lyrikline schon dankbar sein, dass man hier zwei Gedichte von Slessor findet und noch 31 weitere ➱Autoren aus Australien finden kann.

Und man muss dem Mattes Verlag und dem emerierten Anglistikprofessor Hans-Joachim Zimmermann dankbar sein, dass sie jetzt den Band Kenneth Slessor: Gedichte Zweisprachig auf den Markt gebracht haben. 120 Seiten stark und in drei Teile geteilt: eine lange Einleitung zu Slessors Leben und Werk, zwanzig Gedichte mit deutschen Übersetzungen und ein Kommentar zu allen Gedichten. Es ist ein perfektes Buch, das kann man nicht besser machen. Man merkt, dass Zimmermann aus der Schule von Rudolf Sühnel kommt, das steht für Qualität in einer Zeit, in der es mit der Qualität von Hochschullehrern immer mehr abnimmt. Über ➱Rudolf Sühnel habe ich hier vor Jahren geschrieben, und zu meinem großen Erstaunen hat der Post viele tausend Leser gefunden. Das Buch zu Kenneth Slessor ist nicht das erste Buch, das Zimmermann über Australien geschrieben hat. 1999 hat er einen Band Schwarzaustralische Gedichte: Englisch-Deutsch herausgegeben, was sicherlich eine Pionierleistung war.

Ein Rezensent wäre kein Rezensent, wenn er nicht etwas zu mäkeln hätte. Der Titel Fünf Glockenschläge in der Übersetzung von Five Bells gefällt mir nicht, es sollte besser Fünf Glasen heißen. Das weiß Zimmermann auch, aber für ihn ist das nur ein terminus technicus der Seemannssprache, den er dem Leser nicht zumuten will. Im Gegensatz zu mir kommt er nicht aus einem Kaff an der Weser, das aus einem Hafen, Werften, Bootsbauern, Segelmachern und pensionierten Kapitänen bestand. Man muss dem Leser auch mal etwas Nautisches zumuten. Was hätten die Übersetzer von ➱Moby-Dick sonst tun sollen? Fritz Güttinger (der ➱hier einen Post hat) geht ja auf dieses Problem in seinem Buch ➱Zielsprache lang ein. Bevor ich weiter mäkle, schiebe ich mal eben dieses Gedicht von Slessor (es ist die Nummer 3 von Five Visions of Captain Cook) ein:

Two chronometers the captain had,

One by Arnold that ran like mad,

One by Kendal in a walnut case,

Poor devoted creature with a hangdog face.


Arnold always hurried with a crazed click-click

Dancing over Greenwich like a lunatic,

Kendal panted faithfully his watch-dog beat,

Climbing out of Yesterday with sticky little feet.


Arnold choked with appetite to wolf up time,

Madly round the numerals his hands would climb,

His cogs rushed over and his wheels ran miles,

Dragging Captain Cook to the Sandwich Isles.


But Kendal dawdled in the tombstoned past,

With a sentimental prejudice to going fast,

And he thought very often of a haberdasher’s door

And a yellow-haired boy who would knock no more.


All through the night-time, clock talked to clock,

In the captain’s cabin, tock-tock-tock,

One ticked fast and one ticked slow,

And Time went over them a hundred years ago.

In dieser witzigen Beschreibung ticken zwei Uhren um die Wette, die eine ist von Larcum Kendall, die andere von John Arnold (zwei weitere Uhren von Arnold werden auf Cooks Reise ihren Geist aufgeben). Kenneth Slessor hat sich vieles über Cook und Bougainville angelesen, bevor er sein Gedicht über Captain Cook geschrieben hat. Allerdings geht auch die Uhr von Larcum Kendall (Bild) zu schnell: eine 7/10 Sekunde am Tag. In ➱Greenwich ging sie noch 5/8 Sekunden am Tag zu langsam. Bevor wir jetzt meckern, moderne Armbanduhren mit Chronometerzertifikat seien sie von Patek oder ➱Rolex erreichen solche Werte nicht annähernd. Da sind drei Sekunden Fehlgang am Tag schon ein sehr guter Wert (einem anderen ➱Entdecker in der Südsee wird eines Tages eine Eterna Armbanduhr reichen). Was Cook mit sich führt, sind nicht einfache Uhren, es sind Navigationsinstrumente. Larcum Kendalls K1 sieht aus wie eine Taschenuhr, aber man kann sie nicht in die Tasche stecken wie die Uhren, die der geniale Arnold später der Royal Navy liefert. Die ➱K1 ist dreimal so groß wie eine Taschenuhr und wiegt beinahe anderthalb Kilo. Cook war zuerst skeptisch, ob man mit dieser Uhr den Längengrad bestimmen kann, aber er wird dann our trusty friend the Watch und our never-failing guide the Watch ins Logbuch schreiben.

Auf seiner ersten Reise hatte Cook keinen einzigen Chronometer (hier einer von John Arnold) an Bord gehabt. Es gibt zu der Zeit nur eine einzige transportable genaugehende Uhr auf der Welt, und das ist die sogenannte ➱H4 von John Harrison. Die gibt die Admiralität nicht her, sie lässt Larcum Kendall eine Kopie bauen. Die bekommt Captain Cook für seine zweite Reise. Er ist sozusagen ein Versuchskaninchen, die Admiralität will wissen, ob die Uhr wirklich auf einer so langen Reise funktioniert. Aber so gut H4 und K1 sind, sie sind eine technologische Sackgasse. Und sie sind zu teuer, für drei Kopien von Harrison 4 hätte man ein kleines Kriegsschiff bekommen können.

Kendall war nicht der Mann, eine neue Uhr zu entwickeln. Er war ein Handwerker, kein Genie wie Harrison oder Arnold. Bei seiner K2 ließ er aus Preisgründen das Herzstück von Harrisons H4 (und seiner eigenen K1) einfach weg. Dieses Teil hat den Namen remontoire (oder force constante), man kann es hier in einer neueren Uhr sehen. Harrison hatte es einst für seine H2 erfunden. Und dennoch funktionierte die K2 (sie ging eine bis drei Sekunden am Tag falsch, was immer noch ein phänomenaler Wert ist), Captain Bligh von der ➱Bounty hatte sie an Bord, Fletcher Christian hat sie ihm weggenommen und ist mit ihrer Hilfe zu den Pitcairn Inseln navigiert.

Englands Helden sind jetzt ➱Uhrmacher, sie verhelfen der englischen Flotte, sicher auf den Weltmeeren zu navigieren. Sozusagen ein Vorsprung durch Technik, eine Phrase, die die englische Sprache schon assimiliert hat. Sie können die ganze Geschichte in dem wunderbaren Buch Längengrad von ➱Dava Sobel nachlesen, ein Buch, das Hans-Joachim Zimmermann in seinen Ausführungen über die Marinechronometer leider nicht zitiert. All through the night-time, clock talked to clock, in the captain’s cabin, tock-tock-tock. 

Erstaunlicherweise haben im Jahre 1802 nur sieben Prozent der Kriegsschiffe einen von der Admiralität gelieferten Chronometer. Die Admiralität ist geizig. Also kaufen die Marineoffiziere die preiswerteren Chronometer von Arnold (Bild) oder Earnshaw auf eigene Kosten. Die liegen im Jahre 1800 preislich bei 50 bis 100 Pfund, dazu kommen noch einmal 10 Pfund im Jahr für Reinigung und Reparatur. Das ist eine Menge Geld, wenn man bedenkt, dass ein Kapitän damals 28 Pfund im Monat verdient (ein Leutnant nur acht Pfund). Und es genügt ja nicht, dass ein Chronometer an Bord ist, es sollten schon mehrere sein. Erst in den 1840er Jahren wird die Admiralität ihre Kriegsschiffe mit genau gehenden Uhren ausstatten. Mit mindestens einer chronometer watch (oder einer H.S.2 Uhr) sowie mehreren H.S.3 und H.S.4 deck watches (H.S. steht für Hydographic Department Standard).

Arnold wird seine Uhren verbessern und verbessern. Beachten Sie einmal die wirklich exzentrische Form der Unruh dieser Uhr (sie wird schon in dem Post ➱Precision Class erwähnt). Arnold wird zum Hauptlieferanten der Royal Navy (beziehungsweise ihrer Kapitäne) werden. Und auch die Schiffe der East Indian Company werden mit seinen Uhren ausgestattet. Ich musste diese Geschichte, wie Uhrmacher dafür sorgen, dass Britannia rule the waves wahr wird, mal eben loswerden. Weil ich weiß, dass meine Leser das lieben. Als ich über meine amerikanische Eisenbahneruhr ➱Illinois Bunn Special schrieb, hat mir das tausende von Lesern beschert. Hätte ich diesen Post ‚Kenneth Slessor‘ genannt, wer hätte ihn gelesen? Da zieht ein Titel wie ‚Marinechronometer‘ schon mehr Leser an. Dachte ich mir so.

Während ich dies geschrieben habe, lag die ganze Zeit eine englische Taschenuhr neben mir auf dem Schreibtisch. Es ist eine Uhr, die englische Kapitäne im 19. Jahrhundert geliebt haben, weil sie eine Zentralsekunde (ungewöhnlich bei Taschenuhren) hat. Und noch dazu einen Sekundenstopp, das macht diese Beobachtungsuhr mit dem bullseye glass schon beinahe zur Rarität. Irgendjemand hat sie in den letzten 150 Jahren ihres Silbergehäuses beraubt, aber ein Uhrmacher hat ihr ein neues Messinggehäuse verpasst. Mit Glasboden. Uhren aus dem neunzehnten und achtzehnten Jahrhundert können bei richtiger Pflege immer noch laufen. Von wegen And Time went over them a hundred years ago. Keine Quarzuhr wird so lange halten wie Harrisons H4. Die berühmtesten Uhren der Royal Navy sind in Greenwich zu finden, aber auch im Mathematisch-Physikalischen Salon in Dresden können sie Thomas Mudges blauen Chronometer anschauen.

Wenn Sie dies gelesen haben, dann werden Sie den Post ➱Larcum Kendalls K2 lesen wollen, der ist richtig spannend (und ich habe damals auch schon das Gedicht von Kenneth Slessor in dem Post erwähnt). Und vergessen Sie nicht: Das Buch Kenneth Slessor: Gedichte Zweisprachig von Hans-Joachim Zimmermann ist gerade im Mattes Verlag Heidelberg erschienen. Es kostet 18 Euro und lohnt den Kauf unbedingt. Slessors Collected Poems sind 1994 bei Angus & Robertson erschienen, sind aber leider vergriffen.

Noch mehr Chronometer in diesem Blog in den Post: Constellation de LuxeOfficially CertifiedPrecision ClassLarcum Kendalls K2RolexSommerzeitdrei, zwei, einsHemmungenMax BillElgin18th century: Georgian EraIllinois Bunn Special