Havanna

Mai 16, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Kapitän Charles Wright Sigsbee sitzt nachts in seiner Kabine und schreibt einen Brief an seine Frau. Alles ist ruhig im Hafen von Havanna, es ist der 18. Februar 1898. Gestern vor 112 Jahren. Als der Kapitän den Brief an seine Frau versiegelt, schaut er auf seine Taschenuhr, es ist zwanzig vor Zehn. In diesem Augenblick explodiert sein Schiff. Der zehn Jahre alte Panzerkreuzer Maine sinkt sofort. Nimmt den größten Teil der Mannschaft mit in die Tiefe. Kapitän Sigsbee und 89 Seeleute können sich retten. Am nächsten Tag ist die ganze amerikanische Presse in Havanna, vor allem die, die man jetzt Yellow Press nennt. Diese Sorte Journalismus, die die Axel Springers der damaligen Zeit, Joseph Pulitzer und Randolph Hearst, reich machen wird. Hearst wird sich ein Schloss namens Xanadu in Kalifornien bauen lassen, er hat offensichtlich Coleridge gelesen. Orson Welles wird über ihn einen Film drehen, den er Citizen Kane nennt. Pulitzer und Hearst haben den Sensationsjournalismus perfektioniert, Yellow Press heißen ihre Erzeugnisse nach einem Comic The Yellow Kid, bei dem die Figur des Yellow Kid gelb eingefärbt war. They colored the comics but they colored the news as well. Die Sensationspresse schreit Remember the Maine. To hell with Spain!, der Spanisch-Amerikanische Krieg ist unausweichlich. Das ist der Krieg, in dem Teddy Roosevelt mit seinen rough riders seine Cowboyphantasien ausleben kann. Ein anderer Cowboydarsteller im Weißen Haus namens Ronald Reagan wird noch 1987 in einer Rede vor Marinekadetten diesen Schlachtruf ausstoßen. Die Ursache für die Explosion ist niemals zweifelsfrei geklärt worden.

 

Captain Sigsbee wird methodisch und korrekt die Rettungs- und Bergungsarbeiten leiten. Eigentlich ist er eher ein Wissenschaftler, ein anerkannter Meeresgeologe, die Sigsbee Tiefe im Golf von Mexico heißt nach ihm. Natürlich ist er auch ein erfahrener Marineoffizier, sonst würde man ihm kein Schlachtschiff Zweiter Klasse anvertrauen. Sigsbee hat im Bürgerkrieg unter Admiral Farragut gedient. Sigsbee hat Schwierigkeiten, Marinetaucher zu finden. Die meisten vorhandenen Taucher sind schon von Journalisten unter Vertrag genommen worden. Er schickt einen Taucher in seine Kabine, damit der den militärischen Briefwechsel aus seinem Schreibtisch birgt. Der Taucher bringt noch zwei andere Dinge mit: die Taschenuhr des Kapitäns und den preußischen Roten Adlerorden. Den hat Wilhelm I. dem Kapitän Sigsbee für seine Forschungen verliehen, auf den ist er stolz. Er schreibt das mit dem Orden und der Uhr auch in seinen offiziellen Bericht. Man kann es noch im Internet lesen.

 

Kapitän Sigsbee nimmt seine Taschenuhr und spült sie in sauberem Leitungswasser ab. Danach gießt er Öl über sie. Diese Prozedur mag uns barbarisch erscheinen, sie ist aber völlig fachmännisch. Das Wasser beseitigt die Spuren des Salzwassers, das Öl verhindert das Rosten der Uhr. Er hat das schon zweimal gemacht, als er durch Unfälle über Bord gegangen ist. Einmal in Japan, einmal vor zwanzig Jahren hier in Kuba. Danach schickt er die Uhr per Post an den Hersteller. Er hätte natürlich seine Taschenuhr zur Firma Cuervo y Sobrinos in Havanna bringen können. Die sitzen hier seit 1882 und sind die berühmteste Firma weit und breit. Winston Churchill hat hier gerade eine Taschenuhr gekauft. Und natürlich hat Churchill in Havanna auch Zigarren gekauft, er wird sich hier das Zigarrenrauchen angewöhnen. Der neue Besitzer von Romeo y Julieta wird eines Tages eine Zigarre nach ihm benennen.

 

Sigsbees Taschenuhr ist ein amerikanisches Fabrikat. Die Amerikaner stellen zu dieser Zeit (und das hört man in der Schweiz auch heute noch nicht so gern) die besten Taschenuhren der Welt her. Die Schweiz produziert damals, mit Ausnahme einiger Genfer Firmen, hauptsächlich Billigware. Und billige Fälschungen amerikanischer Taschenuhren. Als Georges Favre-Jacot mit einer Schweizer Delegation die Weltausstellung von Chicago besucht, kauft er eine preiswerte amerikanische Taschenuhr, die er danach allen Uhrenfabrikanten zum Studium zur Verfügung stellt. Die einfachsten amerikanischen Qualitäten von Firmen wie Elgin, Waltham, Hamilton und wie sie alle heißen, haben 15 Steine, eine Breguetspirale und eine Kompensationsunruh. Von den Luxusqualitäten wollen wir jetzt gar nicht reden. Sigsbee Taschenuhr wird ihm vom Hersteller in einwandfreiem Zustand zurückgeschickt werden und wird ihn noch sein Leben lang begleiten. Er wird noch Admiral werden. Und er wird mit seinem Flaggschiff 1905 die sterblichen Überreste des amerikanischen Marinehelden aus dem Revolutionskrieg John Paul Jones von Cherbourg nach Washington bringen. Charles Dwight Sigsbee wird 1923 in Arlington beerdigt werden. Die ganze Besatzung der Maine liegt da schon. Für die letzten nicht identifizierten 67 Seeleute, die man noch aus dem Wrack der Maine bergen wird, hatte es am 23.3.1912 einen Staatsakt gegeben. Als Admiral Sigsbee ein dutzend Überlebender der Maine erkennt, vergisst er das Protokoll, stürzt auf sie zu und umarmt einen weinenden Bootsmann, der schon seit 28 Jahren in der US Navy ist. Die New York Times vom 24.3.1912 widmet diesem Ereignis mehr Raum als der Rede von Präsident Taft.

 

Sigsbys Uhr ist von der Firma Edward Howard hergestellt worden, zu der Zeit eine der besten amerikanischen Firmen. Leider habe ich keine Howard, aber ich habe eine Illinois Bunn Special und eine erstklassige Hamilton. Traumhafte Qualitäten. Heute ist so etwas schon beinahe unbezahlbar, vor zehn, zwanzig Jahren konnte man das noch preiswert finden. Ich habe auch (ein Zufallsfund, von dem jeder Sammler träumt) eine Armbanduhr von Cuervo y Sobrinos aus Havanna. Sie stammt aus den dreißiger Jahren, als amerikanische Millionäre in Kuba Urlaub machten. Und Albert Einstein und Ernest Hemingway sich bei Cuervo y Sobrinos in Havanna Uhren kauften. Da bin ich mit meiner in guter Gesellschaft.

 

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