Militäruhren

Mai 16, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

 

Das ist eine schöne alte Militäruhr, die Sie da tragen, sagte ich zu dem älteren Herren im Laden meines Uhrmachers. Die habe ich von meinem Onkel Herbert, sagte der Herr. Der war im Krieg bei der Marine, war irgendwas in der Schreibstube in Kopenhagen. Immer wenn er auf Urlaub kam, habe ich ihn gefragt, ob ich nicht seine Uhr kriegen könnte. Und immer hat er gesagt, vielleicht später mal. Und dann 45, da war Onkel Herbert plötzlich wieder da, ohne Uniform. „Junge, hast Du Zigaretten?“ hat er gefragt. „Aber Onkel Herbert, ich bin doch erst vierzehn, ich darf noch keine Zigaretten haben.“ „Hast Du nun welche oder nicht?“ „Na ja, ich habe vier Päckchen.“ „Gib her, kriegst die Uhr dafür.“ Solch schöne Geschichten kann kein Romanautor erfinden, außer vielleicht Kay Hoff, der in Bödelstedt, oder Würstchen bürgerlich ähnlich schöne Geschichten erzählt.

 

Militäruhren sind von Sammlern gesucht, und deshalb deklarieren hunderte von kleinkriminellen Händlern bei Ebay erstmal alles, was ein schwarzes Zifferblatt hat, als Militäruhr oder Wehrmachtsuhr. Wenn da noch die Reichskrähe mit ’nem Hakenkreuz drauf ist, wird es richtig teuer. Kurz hinter der polnischen Grenze sitzen die Fälscherwerkstätten, die auf alles Adler, Hakenkreuz und DH (Dienstuhr Heer) drauf gravieren. Und auch Adolf Hitlers Unterschrift haben sie schon täuschend echt auf eine goldene Lange Taschenuhr draufgekriegt. Das ist ein schmutziges Geschäft, aber im Zweifelsfall schluckt der amerikanische Markt alles. Ich habe auch eine gefälschte Omega Militäruhr (das da oben ist wahrscheinlich eine echte), aber das wußte ich schon beim Kauf, dass hier jemand ein neues Zifferblatt mit dem broad arrow (dem Pfeil des Königs, der alles Regierungseigentum markiert) hatte drucken lassen (die Firmen Bethge und Causemann machen so etwas ja sehr gut. Nicht dass sie in diesem Geschäft tätig wären, aber wenn’s der Kunde bezahlt, machen sie das auch). Und dann hat jemand auf den Boden die WWW Markierung (waterproof wrist watch) geprägt. Aber man kann die Zeit sehr gut ablesen, und es ist eine echte Omega.

Omega hat im Zweiten Weltkrieg die Royal Air Force beliefert (ebenso wie die IWC, Longines oder Cyma), die Uhren wurden im Diplomatengepäck aus der Schweiz geschmuggelt. Die Besitzer von Omega, die jüdische Familie Brandt, haben Deutschland nicht beliefert. Die Engländer haben niemals Rolex Uhren für Army, Navy oder RAF gekauft, die wussten weshalb. Militäruhren haben den Ruf, unkaputtbar zu sein. Die Geschichte von dem älteren Herrn und der Uhr von Onkel Herbert demonstriert das sehr schön. Die meisten deutschen Wehrmachtsuhren (auf jeden Fall die, die nicht von Manufakturen stammen) haben ein Uhrwerk, das allgemein das Wehrmachtswerk heißt. Es ist das AS 1130 von Adolf Schild in Grenchen, groß, schlicht und funktional.

 

 

Das hier ist schon eine veredelte Version mit Streifenschliff. Das Heer bestellte das AS 1130 mit einer Stoßsicherung, die machte seinen sagenhaften Ruf aus (Luftwaffe und Marine hatten keine Stoßsicherung). Die Engländer haben keine Stoßsicherungen bestellt (auch General Montgomerys Omega hatte keine Stoßsicherung), und auch die amerikanischen Armbanduhren hatten im Zweiten Weltkrieg keine Stoßsicherungen. Aber die Engländer und Amerikaner haben den Krieg gewonnen, auch ohne Stoßsicherung.

Militäruhrensammler sind eine seltsame Spezies. Manche, die nach Uhrwerken sammeln wie ich, haben einige Militäruhren wegen der hervorragenden Werke gekauft. Das AS 1130 in einer MIMO (oder Girard-Perregaux, ist beides das Gleiche) ist schon einsame Klasse (das da oben ist eins. Der federnde Bügel über dem Werk drückt gegen den Gehäuseboden und arretiert so das Werk), von den Manufakturwerken in einer IWC, Omega, Eterna, Helvetia, Alpina oder Moeris ganz zu schweigen. Aber die meisten Sammler sammeln das, weil das irgendwas mit Krieg zu tun hat. Da kommt man sich mit einer Militäruhr ganz großartig und männlich vor, so ähnlich wie mit einer Taucheruhr. Die meisten Taucheruhren werden ja auch von Thekentauchern getragen, die die Wasserdichtheit ihrer Prollex in einem Halbliter Bierglas demonstrieren.

Die seltsamste Form dieser Sehnsucht nach dem Militär findet sich im Zweiten Weltkrieg bei Hans Wilsdorf. Dem gehört eine Uhrenmarke namens Rolex, den Namen hat der Mann aus Kulmbach erfunden. Er sitzt damals in London und betreibt mit seinem Schwager den Uhrenhandel Wilsdorf & Davis. Rolex ist keine Manufaktur, also keine Firma, die ihre eigenen Werke baut. Das, was in der feinen Welt der haute horlogerie zählt. Nein, Rolex ist (und bleibt es für die nächsten hundert Jahre) ein etablisseur. So heißt eine Firma, die sich die Teile für die Uhr bei anderen Firmen zusammenkauft und dann mit ihrem Namen versieht. Ich weiß, dass das Rolex Fans nicht gerne lesen, aber so ist es nun mal. Aber Wilsdorf, der kein Uhrmacher sondern ein Kaufmann ist, versteht etwas von Werbung. In den dreißiger Jahren (da ist er gerade von London nach Genf gezogen, weil im die englischen Zölle zu hoch sind) gibt er schon eine Million Fränkli im Jahr für Werbung aus. Zur gleichen Zeit überlegen sich die Direktoren der IWC (eine echte Manufaktur), ob sie mal zehntausend Franken für die Werbung springen lassen sollen. Und dann kauft Wilsdorf die erste Seite der Daily Mail, um zu feiern, dass die Sekretärin Mercedes Gleitze mit einer Rolex Oyster über den Kanal geschwommen ist.

Die Geschichte ist, wie beinahe alle Rolex Geschichten, nur zur Hälfte wahr (die Erstbesteiger des Mount Everest haben auch keine Rolex getragen, wie die Firma jahrelang behauptete. Tut sie jetzt kleinlaut nicht mehr). Mercedes Gleitze ist zwar schon einmal über den Ärmelkanal geschwommen, aber diesmal hat sie Englands Küste nicht ganz erreicht. Und sie hatte auch keine normale Rolex Oyster am Arm, die Uhr war mit dick Fett versehen in einer Kapsel, die sie am Hals trug. Solchermaßen präpariert hätte auch die zierliche Schmuckuhr meiner Oma den Ärmelkanal überstanden. Aber so ist das nun mal mit den selbstgestrickten Werbemythen, irgendwas von den Botschaft bleibt immer hängen.

Aber wenn die Geschäfte auch gut gehen, es schmerzt Hans Wilsdorf, dass er für seine Uhren keine Militäraufträge bekommt. Die Briten würde er gerne beliefern, denn eigentlich fühlt er sich als Engländer, im edwardianischen London hatte er seinen Karrierestart. Aber bei Kriegsbeginn denken die Engländer gar nicht daran, die Firma Rolex bei Käufen von Militäruhren zu berücksichtigen. Wenn man Uhren von Manufakturen wie IWC und Omega bekommen kann, warum soll man dann bei einem etablisseur kaufen, der Werke von Aegler, FHF, Cortebert oder Eta in seine Uhren schraubt? Und da kommt der Hans Wilsdorf aus Kulmbach auf eine einmalige Idee, um doch noch das Militär zu beliefern. Die ist allerdings eigentlich schon ein wenig degoutant. Wilsdorf bietet über die Offiziellen des Roten Kreuzes, die routinemäßig deutsche Kriegsgefangenenlager besuchen, gefangenen englischen Offizieren in deutschen Stalags Rolex Uhren zum Kauf an. Brauchen sie jetzt nicht zu bezahlen, erst nach dem Krieg. Das Angebot gilt nur für englische Offiziere, nicht etwa für Franzosen oder Russen. Denn englische Offiziere sind Gentlemen, die stehen zu ihrem Wort. Den gesamten Briefwechsel mit den Käufern führt Wilsdorf höchst persönlich. Das sieht dann zum Beispiel so aus:

Das Verkaufsgenie Wilsdorf hat mal wieder etwas Neues gefunden, aber heimlich ist ihm wohl klar, dass die Sache ein Gschmäckle hat. Wenn er ein wirklicher Gentleman wäre und nicht ein would be gentleman, dann hätte er das Ganze nicht gemacht. Deshalb wird die Aktion in der offiziellen Firmengeschichte auch nicht herausgestellt. Aber verkaufsmäßig ist das schon ein Renner, aus einem Lager in Bayern sollen allein 3.000 Bestellungen gekommen sein. Dass Wilsdorf einen Corporal wie Clive Nutting beliefert hat, ist erstaunlich, ein Corporal ist nun mal kein Offizier. Aber dieser Corporal ist in einem Luftwaffenlager, da könnte er ja ein Pilot sein, das sind auch Gentlemen. Und er hat einen Chronographen bestellt (wieder kein Rolexwerk sondern Valjoux), dann muss er ein Gentleman sein. Corporal Nutting, der im Lager der Lagerschuster ist, bekommt seine Rolex. Er wird sie nach dem Krieg auch brav bezahlen und sie bis zu seinem Tod im Jahre 2001 tragen. Wird allerdings in den 60 Jahren ein Mehrfaches des Kaufpreises für den Rolexservice ausgeben. Denn mit dem Service, den Rolex an sich gebunden hat, macht die Firma richtig Geld. Keine Schweizer Firma wird Wilsdorfs neuem Verkaufsweg folgen, Uhren über das Rote Kreuz in deutschen Stalags zu verticken.

Aber sie haben da so etwas Ähnliches jetzt in der Schweiz. Die évadés. Das sind die Amerikaner und Engländer, denen die Flucht in die Schweiz geglückt ist oder die hier mit ihrem defekten Flugzeug gelandet sind. Die wohnen in Luxushotels (sonst sind ja keine Touristen da), und die Regierung ihres Landes schickt ihnen jeden Monat einen Scheck. Zwanzig Schweizer Franken bekommen die US Soldaten pro Tag, viele Eidgenossen wären glücklich, wenn sie so viel Geld hätten. Auf die Zielgruppe dieser fünftausend Soldaten stürzt sich jetzt die halbe Schweizer Industrie, denn die kaufen bei Kriegsende auch noch für ihre Familien ein. Schweizer Uhren haben einen guten Ruf. Man kann damals allerdings kaum Rolex Uhren in der Schweiz kaufen. Rolex ist kein Mitglied im Schweizer Uhrenverband (Wilsdorf will die Mitgliedsgebühren sparen) und darf deshalb in Schweizer Uhrengeschäften (mit der Ausnahme von Bucherer, die zahlen auch keine Mitgliedsgebühren) nicht verkauft werden. Wahrscheinlich nimmt Wilsdorf das in Kauf, weil er weiß, das die Schweizer Connoisseurs sowieso keine Rolex kaufen würden.

In dem Film Der dritte Mann sagt Orson Welles: In Italien unter den Borgias, da hatten sie dreißig Jahre lang Krieg. Terror, Mord und Blutvergießen, aber sie brachten Michelangelo hervor, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz, da hatten sie die Bruderliebe, hatten fünfhundert Jahre Demokratie und Frieden. Und was hat das hervorgebracht? Die Kuckucksuhr! Ist immer wieder schön zu hören, ist aber nicht ganz richtig. Die Kuckucksuhr kommt aus dem Schwarzwald, und 500 Jahre kein Krieg wäre zu schön. Und an diesem Zweiten Weltkrieg da verdient sich die Schweiz auch wieder dumm und dösig. Ist ja auch mehrfach von den Alliierten bombardiert worden, die haben sich immer dafür entschuldigt. War ein Versehen. Nur komisch, dass die Bombardierungen immer kriegswichtige Unternehmen betrafen. Aber Uhren können sie bauen. Und deshalb reißt man sie den Schweizern auch am Ende des Krieges aus der Hand. Natürlich gegen cash, nicht uri, uri wie die Russsen. Der zeitgenössische Cartoon bringt das schön auf den Punkt: eine Gruppe von évadés kurz vor der Heimfahrt, beladen mit allem, was die Schweizer Uhrenindustrie zu bieten hat. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte:

Die erste Reise nach dem Krieg führte den Omega Träger Montgomery, der nun Viscount Montgomery of Alamein heißt, nach Biel zur Firma Omega, er kam in Uniform. Kriegte auch gleich eine Omega geschenkt. Ist zwei Jahre später schon wieder da, diesmal kriegt er eine Omega Automatik. Léon Gogniat, der seit sechzig Jahren bei Omega ist, erklärt dem Feldmarschall, wie die funktioniert. Einmal stellen und schütteln und dann tragen. Generälen muss man die einfachsten Dinge erklären.

Wenn es zu einer Rolex noch einen Briefwechsel mit Hans Wilsdorf gibt, wie zu der Uhr des Corporals Clive Nutting, dann steigt der Preis dieser Uhr in unglaubliche Höhen. Rolex Sammler zahlen für alte Rolex Uhren sowieso Preise, die in keinem Verhältnis zur Uhr stehen. Weil Rolex ein Mythos ist, sagen sie. Wilsdorfs Taktik aus Trickserei und Täuschung trägt Früchte, nicht Mythos, sondern Marketing heißt das Zauberwort. Wenn bei einer Auktion wieder eine Rolex zu einem sagenhaften (geradezu mythischen) Preis verkauft wird, sollte man immer daran denken, dass diese Preise nicht den Wert der Uhr anzeigen. Nein, das sind Strafgebühren für Dummheit und schlechten Geschmack.

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