Uhren in Amerika

Mai 16, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

 

Am Anfang Amerikas steht eine falsch gehende Uhr (wahrscheinlich eine Glasenuhr), die die Pilgerväter auf ihrer Mayflower nach Neu-England führt. Hätten sie eine bessere Uhr gehabt, so hätten sie besser navigieren können und wären in Virginia gelandet. Dorthin wollten sie eigentlich. Man kann noch nicht richtig navigieren, ein Jahrhundert später, wenn der Engländer ➱John Harrison die ersten genau gehenden Seechronometer baut, dann kann man zum ersten Mal in der Geschichte der Seefahrt genau navigieren.

Captain Cook wird mit einer Uhr von Larcum Kendall (einer Kopie von Harrisons H4) schon eine Genauigkeit von hundert Metern auf der Weltkarte hinkriegen. Etwas genauer als die Entfernung zwischen Virginia und Plymouth Rock, wo die Mayflower dann landet. Wenn man ehrlich ist, sollte man dazu sagen: die Pilgerväter waren vorher schon mehrere Male an Land. Es gefiel ihnen nur nicht in der Gegend. Und da wir gerade dabei sind, ehrlich zu sein, sollten wir auch sagen, dass da nicht nur Pilgrim Fathers an Bord sind. Man hatte auch eine Menge Kleinkriminelle mitgenommen. Man musste das Schiff ja vollkriegen.

150 Jahre später gibt es in den amerikanischen Kolonien keine nennenswerte Uhrenindustrie, die  colonial watchmakers (es gibt ungefähr dreihundert, die meisten sitzen in Pennsylvania oder in Boston) können gerade mal englische Taschenuhren reparieren oder aus importierten Teilen eine Uhr zusammenschrauben. Die watchmakers sind letztlich nur finishers (das, was die Schweiz Etablisseure nennt), sie beziehen die Einzelteile der Uhr aus London, bearbeiten sie und bauen sie zusammen. Man glaubt, dass auf diese Weise in der Colonial Period in Amerika 2.000 bis 3.000 Uhren gebaut wurden. Man sollte diese Tätigkeit der Etablisseure in den Kolonien allerdings nicht geringschätzen, der größte Teil der Schweizer Uhrenindustrie besteht heute aus Etablisseuren.

 Englische Uhren sind in dieser Zeit das Nonplusultra der Uhrenwelt. Man schätzt, dass zu Ende des 18. Jahrhunderts jährlich 350.000 bis 400.000 Uhren hergestellt werden, 60 Prozent davon kommen aus England. Die Zeit ist noch in den Händen der Engländer. Wenn man sich im Krieg mit England befindet oder gerade seine Unabhängigkeit von England erklärt hat, kann man natürlich guten Gewissens keine englische Taschenuhr kaufen. Dann muss man schon eine französische Uhr kaufen, die Franzosen bauen damals auch sehr gute Uhren, wenn sie nicht lieber wie der Uhrmacher Beaumarchais Die Hochzeit des Figaro und ähnliche Komödien schreiben.

Thomas Jefferson wird 1789 dem gerade ernannten Präsidenten George Washington eine goldene Taschenuhr von Jean-Antoine Lépine aus Paris mitbringen. Die hat Washingtons Freund Gouverneur Morris für ihn am 23. April 1789 bei Lépine gekauft (das Gouverneur ist hier kein Titel, es ist der Vorname des Gentlemans aus Virginia). Morris hat noch in diplomatischer Mission in Paris zu tun, und so nimmt Jefferson, der gerade dabei ist, Frankreich in Richtung Monticello zu verlassen (seine Amtszeit in Paris ist im September 1789 angelaufen, er wird jetzt Außenminister der Vereinigten Staaten), die elegante Taschenuhr nach Amerika mit. Das ist Washington etwas peinlich gewesen, dass ihm Jefferson die nun mitbringt, der hätte das gar nicht wissen sollen, dass Washington diese Lépine haben wollte. Denn Washington war nur auf diese spezielle Lépine gekommen, weil James Madison so eine hatte, und die hatte Jefferson James Madison Jahre vorher aus Paris geschickt. Jefferson hat sich natürlich in Paris auch eine Taschenuhr gekauft, eine Daniel Vaucher, die sogar einen Kalender hat.

Die Franzosen machen jetzt relativ flache Taschenuhren, die sind viel eleganter als die dicken Zwiebeln, die die Londoner Uhrmacher bauen. Ganz oben ist eine Taschenuhr von Washington (sie wird noch mit einem Schlüssel durch das Loch im Zifferblatt bei der 2 aufgezogen), die ihm sein Freund Thomas Johnson 1777 bei Trenton geschenkt hat [das Bild hat sich leider aus dem Internet verabschiedet, deshalb gibt es hier die Uhr von Benjamin Franklin, die beinahe genauso aussieht]. Da hat Washington nachdem er gerade den eisigen ➱Delaware überquert hatte, die hessische Garnison bei den Weihnachtsfeiern gestört. Zu solchen Gelegenheiten schenkt man sich unter Generälen schon einmal eine goldene Uhr. Diese hier hat sogar ein Repetierwerk, auf einen Daumendruck kann sie die Stunden schlagen. Das ist sehr praktisch im Dunkeln. Washington wird nach der Eroberung von Yorktown seinem französischen Freund Lafayette auch eine elegante goldene Taschenuhr schenken. Alle Generäle Washingtons haben eine Taschenuhr, Schlachten beginnen jetzt nicht mehr zu unbestimmten Tageszeiten, jetzt gibt es vor dem Kampf so etwas Ähnliches wie den Satz: Gentlemen, synchronize your watches!

Von der flachen Lépine Washingtons finde ich leider kein Bild [doch, jetzt gibt es eins], um es hier in den Text zu zaubern. Wenn Sie Mitglied der National Association of Watch and Clock Collectors sind, können Sie dort ein Video sehen, wie ein Uhrmacher Washingtons Lépine öffnet. Falls Sie das nicht sein sollten, können sie ➱hier klicken, bis Sie auf die Bilder 8, 9 und 10 kommen. Das ist die goldene Lépine mit der Nummer 5378 (ungefähr 6.000 gibt es vom Uhrmachermeister des französischen Königs). Bei Washingtons Lépine kann man den Rückdeckel aufklappen und sie dort aufziehen (und dort auch die Zeit einstellen). Man zieht sie, und das ist jetzt revolutionär, rechts herum auf. Das steht auch auf der goldenen Cüvette. Die englischen Spindeltaschenuhren musste man links herum aufziehen. Man kann in dieser Zeit – aber das kommt für Gouverneur Morris natürlich nicht in Frage – auch „englische“ Uhren aus der Schweiz beziehen, die stolz den Namen eines fiktiven englischen Meisters mit dem fetten Zusatz London auf der Platine tragen (ähnliche Uhren mit englischen Aufschriften sind in dieser Zeit auch aus Holland bekannt). Die Anfänge der Schweizer Uhrenindustrie im 18. Jahrhundert scheinen in der Produktpiraterie zu liegen. Das hören die Schweizer allerdings nicht so gerne.

Thomas Jefferson, der der Meinung ist, dass die Schwarzen eine geistig unterlegene Rasse seien (als Sklavenhalter hat man gerne solche Ideen, auch wenn man in Unabhängigkeitserklärung hineingeschrieben hat that all men are created equal), bekommt eines Tages einen Almanach mit einem Begleitbrief von einem gewissen Benjamin Banneker zugeschickt. Solche Almanachs gibt es damals zuhauf, auch Benjamin Franklin hat damit Erfolg gehabt. Aber dieser Almanach ist etwas anders, er enthält genaueste astronomische Berechnungen, Ephemeriden für jeden Tag. Man kann die genaue Postion aller Himmelsgestirne mit dem Almanach bestimmen. Wer keine Uhr hat, und das sind damals die meisten Menschen, richtet sich nach Sonne, Mond und Sternen. Jefferson kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und muss dann noch lesen The color of the skin is in no way connected with the strength of the mind or intellectual powers. Benjamin Banneker, einer der berühmtesten Astronomen und Mathematiker Amerikas im 18. Jahrhundert, ist schwarz. Er träumt davon, alle berechneten astronomischen Zeiten mit einer Uhr zu koordinieren, aber dafür hat er nicht die technischen Mittel. Aber die Taschenuhr aus Holz, die er mit 22 Jahren gebaut hat, die wird bis zu seinem Tode gehen. Vielleicht ist das die erste in Amerika gebaute Uhr gewesen.

Uhren sind ein Luxusgegenstand, mit dem die feine amerikanische Gesellschaft allerdings nicht prahlt wie heute Leute mit ihrer Rolex: auf keinem von John Singleton Copleys Porträts der amerikanischen Oberschicht ist eine Uhr zu sehen! George Washington wird seine Lépine natürlich all seinen zahlreichen Besuchern zeigen, Uhren sind damals unter Gentlemen noch ein talking piece. Er bekommt, nachdem er die Engländer besiegt hat, auch viele Uhren geschenkt und wird auch viele Uhren an Freunde verschenken. Es gibt zu Ende des 18. Jahrhundert mehr Taschenuhren als Standuhren in Amerika. Das ist auf den ersten Blick verblüffend, liegt aber an der Luxussteuer, die bei Standuhren doppelt so hoch ist wie bei Taschenuhren.

Die junge amerikanische Republik ist überreich an Multitalenten und Erfindern: Benjamin Franklin,  Charles W. Peale, Benjamin Thompson (der spätere Reichsgraf von Rumford, dem die Münchener den Englischen Garten verdanken) und Eli Whitney, der die Baumwollentkernungsmaschine erfindet. Das wird die Ökonomie Amerikas verändern, und Baumwolle und Sklavenfrage werden fortan in einem Zug genannt werden. Aber dieser Eli Whitney wird auch für die Uhrenindustrie von größter Bedeutung sein. 1798 hatte er einen Auftrag erhalten, für die Regierung eine Waffenfabrik zu bauen, die nach ganz neuen Methoden 10.000 Musketen bauen sollte. Whitney verstand nichts von Gewehren, aber er hatte eine geniale Idee: die vollständige Austauschbarkeit aller Teile und die maschinelle Fertigung aller Einzelkomponenten. Alle Teile einer Whitney-Muskete passten in jede andere, was er im Januar 1801 dem Präsidenten John Adams, dem Vizepräsidenten Thomas Jefferson und dem gesamten Kabinett in einer dramatischen nächtlichen Kabinettssitzung demonstrieren konnte. Das amerikanische System der maschinellen Fertigung war geboren. Voller Stolz wird sechzig Jahre später Erhard Junghans unter seinen Fabriknamen nach amerikanischem System schreiben.

Die Großuhrenindustrie in Amerika wird neben der Waffenindustrie dieses System als erste aufgreifen, und innerhalb weniger Jahre wird Amerika zu einem ernst zunehmenden Konkurrenten Europas. Jefferson war noch 1788 der Meinung gewesen, daß Amerika nicht innerhalb eines Menschenalters zu einer industriellen Produktion finden könnte. Chauncey Jerome in New Haven, Connecticut, wird es schon 1840 zu einer Tagesproduktion von 5.000 Uhren bringen, die auch noch zu unerhört billigen Preisen verkauft werden. Diese Amerikaneruhren werden zu jeweils sechs Uhren in einer Kiste verpackt (sozusagen ein horologischer six pack) alle Regionen Deutschlands erreichen.

Da in Standuhren viel Platz ist, klebt innen eine große, ausführliche Bedienungsanleitung, die die Firmen aus New Haven, Waterbury und Ansonia (alle in Connecticut) noch mit einer großartigen Darstellung der Fabrikgebäude schmücken. Über den imposanten Gebäuden und rauchenden Schloten schwebt stolz der amerikanische Adler (Benjamin Franklin hätte ja lieber den Truthahn als amerikanisches Wappentier gehabt). Von nun an wird die Darstellung eines Fabrikgebäudes bis ins 20. Jahrhundert zu einem ikonographischen Motiv der Uhrenwerbung werden. Manche Fabrikanten wie Mark Lane fügen den Bedienungsanleitungen gemäß der Nützlichkeitsmaximen Benjamin Franklins noch die Postgebühren und die Ergebnisse der Volkszählung von 1820 bei. Wir können der Uhr entnehmen, daß die Vereinigten Staaten 1820 9.625.734 Einwohner haben. Ein halbes Jahrhundert später, kurz nach dem Bürgerkrieg, werden es viermal so viele sein. Sie alle werden Uhren brauchen.

Wenn Sie einen Film über den Bürgerkrieg drehen, so zeigen Sie keine amerikanischen Uhren, es gibt noch keine, lautet ein Ratschlag an Regisseure auf einer Internetseite. Das ist nicht ganz richtig, die Anfänge der fabrikmäßigen Herstellung amerikanischer Taschenuhren liegen ein Jahrzehnt vor dem Civil War. Sie sind untrennbar verbunden mit den Namen von Edward Howard und Aaron Lufkin Dennison. Dennison hat viel von der automatisierten Waffenproduktion gelernt, für seine Uhrenfabrik wird er als erstes einen Maschinisten der Springfield Armory abwerben.

Howard und Dennison lösen einen Boom aus, überall in Amerika, von Neuengland bis Chicago, werden nach dem Bürgerkrieg Uhrenfabriken gegründet. Es ist ein Bürgerkriegsteilnehmer namens Florentine A. Jones aus Boston, der als Beruf watchmaker in seinen Militärpapieren angibt, der sich auf ein neues, vielleicht typisch amerikanisches Abenteuer einläßt: die Gründung einer amerikanischen Uhrenfabrik außerhalb Amerikas. Die Jahre nach dem Bürgerkrieg, von Mark Twain skeptisch als Gilded Age bezeichnet, sind die Goldgräberzeit der amerikanischen Uhrenindustrie.

Die Firma Waltham wird 1865 zum erstenmal schwarze Zahlen schreiben, beinahe eine halbe Million Dollar. Uhrenfabriken werden gegründet, gehen in Konkurs, werden neugegründet. Ein junger Ingenieur, der schon mit dreizehn Jahren Uhren reparierte, plant eine Uhrenfabrik, die jährlich 600.000 Uhren produzieren soll. Als er keine reellen Absatzchancen dafür sieht, wendet er sich einem anderen Gegenstand zu. Sein Name ist Henry Ford.

Die Übernahme des Whitney-Systems (das natürlich auch Henry Ford für sein Fließbandsystem übernimmt) war für die Großuhrenindustrie einfach, für die hundert klitzekleinen Einzelteile einer Taschenuhr bringt es Probleme. Aber die amerikanische Industrie bekommt die Fertigungsmethoden in den Griff, einhundert Jahre nach Eli Whitney sind die USA die Nummer Eins auf dem Gebiet der massenhaft hergestellten, preiswerten Präzisionsuhren. Als Eduard Favre-Perret 1876 im offiziellen Auftrag der Schweizer Uhrenindustrie die Ausstellung zur 100-Jahrsfeier der Unabhängigkeitserklärung in Philadelphia besucht, kann er die Taschenuhren der Firma Waltham nur in den höchsten Tönen loben (nach unbestätigten Angaben soll die Schweizer Delegation kreidebleich aus dem Saal gewankt sein, in dem Waltham seine Tagesproduktion von 2.000 Uhren präsentierte). Favre-Perret wird einen aufrüttelnden, warnenden Bericht an die Schweizer Industrie verfassen, in dem er sagt, daß die durchschnittliche amerikanische Taschenuhr besser sei als 50.000 Schweizer Uhren.

Die Schweizer Uhr hat in den USA in dieser Zeit sowieso einen schlechten Ruf (große Namen wie z.B. Vacheron&Constantin, die seit 1830 in New York repräsentiert sind, natürlich ausgenommen), man macht viel Geld (wieder einmal) mit Produktpiraterie. Aber jetzt fälscht man keine Londoner Uhren mehr wie im 18. Jahrhundert, jetzt fälscht man amerikanische Uhren. Manche dieser Fälschungen amerikanischer Uhren werden allerdings auch im gegenseitigen Einverständnis produziert, so entstehen billige Zylinderwerke mit Schwanenhalsfeinregulierung (immerhin eine amerikanische Erfindung), mit imitierten Kompensationsunruhen und imitierten Rubinen in imitierten Chatons. Darauf wird in der Werbung ganz offen hingewiesen, und für einen Dollar und 50 Cents kann man auch nicht mehr erwarten. Die Welt will betrogen sein. Amerikanische Publikationen für Taschenuhrsammler enthalten da ganze Kapitel mit dem Titel How to identify a Swiss fake. Selbst Albert H. Potter, einer der größten amerikanischen Uhrmacher seiner Zeit, wird im Alter (auch in der Schweiz) Billiguhren unter dem Markennamen Charmilles produzieren lassen.

Florentine Ariosto Jones (was hat sich sein Vater, der Schuhmacher Salomon Jones nur bei diesen Vornamen gedacht?) hat mit der Gründung seiner International Watch Company eine grandiose Idee, die eines viktorianischen entrepreneurs würdig ist. Er will wie viele andere in dieser Zeit amerikanische Uhren für den großen amerikanischen Markt bauen, er will als guter Uhrmacher (und sein Können wird unbestritten bleiben) gute Uhren bauen, nicht die billigen Dollar Watches, mit denen die Amerikaner den Markt zu überschwemmen beginnen. Aber es gibt bei dem Gründungsboom von Uhrenfabriken nach dem Civil War keine Arbeitskräfte mehr in den USA, also verfällt Jones auf die Schweiz, sozusagen als frühes Beispiel der Globalisierung. A.L Dennison, der Vater der amerikanischen Uhrenindustrie, ist auch schon dort, um die Fertigung von einzelnen Komponenten für seine Tremont Watch Co. zu erkunden. Das mag für Jones den Ausschlag gegeben haben, seine Stelle bei Edward Howard zu kündigen. Jones wird unternehmerisch scheitern, der Rest ist Geschichte, die International Watch Company in Schaffhausen gibt es immer noch.

Aber es hätte ja auch anders kommen können. Auch Eli Whitney konnte sein Vorhaben nur dank immer wieder gewährter Zuschüsse des Kongresses durchführen. Seine Vision, die die amerikanische und letztlich auch die Schweizer Uhrenindustrie revolutionieren sollte, war nicht falsch, auch wenn man ihn jahrelang für einen Scharlatan hält. Aus der IWC in Schaffhausen hätte bei anderen ökonomischen Konstellationen (wenn die USA die Schutzzölle, die sie im Bürgerkrieg eingeführt hatten, wieder aufgehoben hätten) eine amerikanische Uhrenfabrik werden können, die mit Waltham, Howard, Elgin und Hamilton hätte konkurrieren können.

Hundert Jahre nach dem Höhepunkt der amerikanischen Uhrenindustrie wird es keine amerikanischen Hersteller von Qualitätsuhren mehr geben. Zweihundert Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung importieren die USA Uhren im Wert von 627 Millionen Dollar. Die Fabrik von Mr. Jones wandert 1879 in Schweizer Hände und wird zu einem der ganz großen Namen der Uhrenwelt. Sie wird alle Krisen des 20. Jahrhunderts überstehen, und sie wird auch – eine schöne Ironie der Geschichte – alle amerikanischen Uhrenfabriken überleben. Die Schweiz hat von den amerikanischen Hinterwäldlern, diesem horologischen Entwicklungsland, im 19. Jahrhundert eine Lektion erteilt bekommen. Sie hat daraus gelernt, und mit einem wunderbaren Sinn für Tradition hat die International Watch Company noch heute Ersatzteile für das Kaliber Jones (wie das da oben) aus den 1860er Jahren.

1976 hat mir der Direktor des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums in Schleswig, Dr. Joachim Kruse, den schönen Katalog Gemessene Zeit: Uhren in der Kulturgeschichte Schleswig-Holsteins geschenkt. Irgendwie war das ein Danaergeschenk, denn von dem Augenblick an wollte ich alles über die tickenden Teufelsherzen wissen. Der schöne Katalog (der auch viele amerikanische Uhren enthält, die im 19. Jahrhundert in Schleswig-Holstein auftauchen) ist natürlich mittlerweile vergriffen. Wie leider auch das abgebildete On Time: How America Has Learned to Live by the Clock von Carlene E. Stephens, ein Katalog des Smithsonian Institutes.

Das hier ist ein Hamilton Uhrwerk aus einer kleinen flachen Taschenuhr der dreißiger Jahre (der Masterpiece Collection), man glaubte damals, mit flachen, kleineren Taschenuhren in Konkurrenz zu den neuen Armbanduhren treten zu können. Dies Uhr hat bis auf eine Stoßsicherung alles, was eine Luxustaschenuhr haben kann: Breguetspirale (aus Elinvar), Unruhe aus einer Speziallegierung, alle Steine in Goldchatons (auch das Federhaus), 23 Steine, Anker und Ankerrad haben verschraubte Decksteine und das Ganze ist in fünf Lagen feingestellt. Man müsste in Deutschland und der Schweiz lange suchen, um eine ähnliche Qualität zu finden. Und das ist noch nicht einmal die oberste Qualität von Hamilton. Ich kann mich an so etwas nicht sattsehen. Ich habe nämlich eine Hamilton mit diesem Werk.

Die amerikanischen Uhrenfirmen haben zum großen Teil ihre gesamten Unterlagen bei ihrem Konkurs vernichtet, es gibt keine in Buchform erreichbare Kulturgeschichte der amerikanischen Uhrenindustrie. Die Amerikaner haben einmal die Welt der Uhren beherrscht, aber einen Sinn für für ihre Technologiegeschichte haben sie nicht (nehmen wir einmal die Bemühungen der NAWCC aus). Viele Uhren aus der Gründungsphase nach dem Bürgerkrieg gehen bis zum heutigen Tag. Washingtons Lépine leider nicht, und die Repetionsuhr von 1777 erst Recht nicht, da fallen schon auf der Zifferblattseite die Zahnräder heraus. In England dagegen, da gehen John Harrisons Uhren nach über zweihundert Jahren immer noch.

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