Alberto Santos-Dumont

Oktober 19, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

 

The winds have welcomed you with softness,
The sun has greeted you with it’s warm hands,
You have flown so high and so well,
That God has joined you in laughter,
And set you back gently into
The loving arms of Mother Earth.*

When the names of those who have occupied outstanding positions in the world have been forgotten there will be a name which will remain in our memory, that of Santos-Dumont, schrieb die Londoner Times im Jahre 1901. Aber wer kennt ihn heute noch? In seinem Heimatland Brasilien, da kennt man ihn schon, der Rest der Welt scheint den kleinen Mann (er war nur 1,60 groß) vergessen zu haben. Der brasilianische Millionär war ein Pionier der Luftfahrt, zuerst mit Ballons und kleinen Luftschiffen, dann  auch mit einem motorgetriebenen Flugzeug, dem berühmten 14bis. Heute vor 110 Jahren ist er mit seinem Luftschiff Santos-Dumont No. 6 einmal um den Eiffelturm geflogen und hat damit den begehrten Deutsch-Preis gewonnen.

Hundertzwanzig Jahre vor diesem Flug schrieb Horace Walpole in einem Brief an Sir Horace MannHow posterity will laugh at us, one way or other! If half a dozen break their necks, and balloonism is exploded, we shall be called fools for having imagined it could be brought to use: if it should be turned to account, we shall be ridiculed for having doubted. Walpole hat einen aktuellen Anlaß für seine Zeilen, eine Woche zuvor war der Heißluftballon von Jean-François Pilâtre de Rozier auf dem Weg von Frankreich nach England in der Luft explodiert.

Der Skeptizimus gegenüber den  Ballons der Gebrüder Montgolfier überwiegt in England, so schreibt der berühmte Dr Johnson ein halbes Jahr vor Horace Walpole an seinen Freund Dr BrocklesbyWe now know a method of mounting into the air, and I think we are not likely to know more. The vehicles can serve no use till we can guide them; and they can gratify no curiosity till we mount with them to greater heights than we can reach without; till we rise above the tops of the highest mountains, which we have yet not done. We know the state of the air in all its regions, to the top of Teneriffe, and, therefore, learn nothing from those who navigate a balloon below the clouds. The first experiment, however, was bold, and deserves applause and reward. But since it has been performed, and its event is known, I had rather now find a medicine that can ease an asthma. Vielleicht wäre das wirklich wichtiger gewesen, jeder Asthmatiker wird ihm da zustimmen.

Vor hundertzehn Jahren ist Alberto Santos=Dumont (der sich gerne mit diesem doppelten Bindestrich schreibt) wahrscheinlich der berühmteste Mensch auf der Welt, da hat die Times schon Recht. Er ist nicht nur ein Luftfahrtpionier, er ist auch ein großer Dandy. Ich liebe den Panamahut auf diesem Bild. Dagegen ist der Hut von Harry Graf Kessler auf dem Bild von Munch überhaupt nichts (obgleich dieses lebensgroße Bild eines Dandys natürlich ganz toll ist). Santos-Dumont trägt aber nicht immer seinen Panamahut, es gibt auch Photos von ihm, auf denen er einen boater, einen Bowler oder eine Tweedmütze trägt. Viele Denkmäler zeigen ihn aber mit seinem Panamahut, der offensichtlich eine Art Markenzeichen ist. Was mich ein wenig wundert ist die Tatsache, dass Santos-Dumont in Prousts Werk nicht auftaucht, die beiden leben in Paris gleichzeitig nebeninander her, sie kennen sogar die selben Leute. Aber kein Santos-Dumont – außer in einem Brief aus dem Jahre 1914, in dem sein Observatorium erwähnt wird.

Es gibt Flugzeuge in Prousts Werk, wenn er über den nächtlichen Himmel von Paris im Ersten Weltkrieg schreibt, und er hat sich selbst einmal mit einem Flugzeug verglichen, das sich mühsam auf dem Rollfeld fortbewegt, bis es plötzlich aufsteigt, und so erhob ich mich zu den schweigenden Höhen des reinen Gedächtnisses. Proust ist allen technischen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen, seine Wohnung hat ein Telephon und er hat einen Vorläufer des Radios, das so genannte Theatrophon abonniert. Eisenbahnen und Autos finden sich auch reichhaltig in seinem Werk, aber über den brasilianischen Dandy, den Sohn des Kaffeekönigs von Brasilien, der um den Eiffelturm herum fliegt, über den schreibt er nicht.

Die Metapher mit dem Rollfeld ist übrigens nicht gesucht. mit Rollfeldern kennt Proust sich aus. Alfred Agostinelli, den Proust als Chauffeur (und später als Sekretär) beschäftigt, hatte es sich in den Kopf gesetzt, Pilot werden zu wollen. Alberto Santos-Dumont hat jetzt viele Nachahmer. Proust bezahlt Agostinelli die Flugstunden und ist sogar bereit, ihm ein Flugzeug zu kaufen. Was tut man nicht alles aus Liebe. Agostinelli (der die Flugschule unter dem Namen Marcel Swann besuchte) stirbt bei einem Flugzeugabsturz. In Prousts Die Gefangene ist aus Agostinelli eine Albertine geworden – mit der der Erzähler Flugfelder besucht. Then the engine was started, the machine ran along the ground, gathered speed, until finally, all of a sudden, at right angles, it rose slowly, in the awkward, as it were paralysed ecstasy of a horizontal speed suddenly transformed into a majestic, vertical ascent. Beinahe die gleichen Worte wie in dem Zitat weiter oben. Ich habe gerade eben die gute alte Scott Montcrieff Übersetzung genommen, weil ich weder einen französischen noch einen deutschen E-Text gefunden habe. Und zu faul bin es abzutippen.

Den Namen Santos gibt es heute noch als Produktnamen. Ein Uhrenmodell der Firma Cartier heißt so. Unser Luftfahrtpionier braucht beide Hände an den Instrumenten, keine Möglichkeit da oben eine Taschenuhr genüsslich aus der Tasche zu ziehen. Und so bittet er seinen Freund Louis Cartier ihm eine Armbanduhr herzustellen. Die Firma Cartier feiert das bis heute als die Geburtsstunde der Armbanduhr, das Datum liegt irgendwo zwischen 1901 und 1904, so ganz sicher ist sich da keiner. Sie steht nicht im Hauptbuch der Firma, da sie nicht verkauft wurde, sie war ein Geschenk von Louis Cartier an Santos-Dumont.

Eine Cartier Uhr ist auch der Ausgangspunkt des Buches Man Flies: The Story of Alberto Santos-Dumont Master of the Balloon von Nancy Winters. Ihre Quarzuhr (ih-bäh!) von Cartier (nochmal: ih-bäh!) gibt nach wenigen Stunden auf. Sie bekommt eine neue, aber auch die funktioniert nur wenige Tage. Nancy Winters erhält dann für die Zeit der Reparatur eine Santos Sport, diese Uhr hat Cartier seit 1978 im Programm. Sie verliebt sich sofort in dieses Modell, forscht dann dem Namen Santos nach – und schreibt dann dieses kleine, charmante Buch. This is not a history of flight. Nor even of ballooning. It is the story of one small, courageous, stubborn, stylish, and ultimately tragic man. It is not so much a story of science as a story of dreams, beginnt das reich illustrierte Buch über den modernen Ikarus. Dessen Leben durch das schleichende Einsetzen einer schweren Krankheit immer schwieriger wird.

Aus dem gefeierten Erfinder und Flugpionier, aus dem Dandy und Gesellschaftsmenschen ist ein rastloser Eigenbrötler geworden, der sich kurz nach seinem 59. Geburtstag in seinem Haus erhängt. Flugapparate hatten ihn immer weniger interessiert, nachdem er gesehen hatte, dass man sie zur Massenvernichtung gebrauchen konnte. Das erste Leichtflugzeug, das er konstruierte, hatte den schönen Namen Demoiselle. Er bot die Baupläne kostenlos zum Nachbau an – er hatte sich überhaupt nie ein Patent auf seine Konstruktionen gesichert. Zwar ist irgendwann die ein oder andere Demoiselle abgestürzt (no double meaning intended), aber niemand ist je mit diesem Flugzeug zu Tode gekommen.

*The Balloonist Prayer, Dichter unbekannt, wahrscheinlich nach einem irischen Lied.

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