Mount Everest

Mai 29, 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Heute vor sechzig Jahren haben der Neuseeländer Edmund Hillary und der Sherpa Tenzing Norgay den Berg bestiegen, der nach dem Engländer Sir George Everest benannt worden ist. Die Rolex Werbung versichert uns seit diesem Tag, dass beide natürlich eine Rolex am Arm gehabt haben. Der höchste Berg der Welt bezwungen, das schreit ja geradezu nach einer Rolex: Top of the World. Auf den Bungsberg oder den Brocken kommt man auch mit einer alten Junghans.

Die Werbung von Rolex wäre ja ganz schön, wenn da nur diese Werbeanzeige der englischen Firma Smiths nicht wäre. Das knabbert jetzt ganz gewaltig an dem Rolex Mythos. Der ja immer schon zum größten Teil aus Werbelügen bestand, ich habe das ➱hier schon einmal gesagt. Was der Sherpa Tenzing Norgay allerdings zweifelsfrei getragen hat, ist ein roter Schal, den ihm der Schweizer Bergsteiger Raymond Lambert im Jahr zuvor geschenkt hatte. Damals, als sie 250 Meter vor dem Gipfel kehrtmachen mussten. Eigentlich wollten die Engländer in dem Jahr schon auf den Everest, aber als sie sahen, dass ihnen die Schweizer zuvorgekommen waren, begnügten sie sich mit dem Cho Oyu.

Unglücklicherweise für die Erfinder der Rolex Legenden gibt es da auch noch diesen Brief der Firma Smiths English Clocks an die Royal Geographical Society, in der der offizielle Ausrüster der British Mount Everest Expedition einepro forma Rechnung schickt. Und versichert, dass die Uhren natürlich ein Geschenk gewesen seien. Und dann gibt es 1958 noch eine Werbeanzeige mit dem Titel On Top of the Everest Triumphant in the Antarctic: Fuchs and Hillary Relied on Smiths. Da war Sir Vivian Fuchs gerade von seiner Antarktistour zurückgekehrt. Mit einer Smiths am Handgelenk, keiner Rolex.

Rolex Fans zitieren immer einen Brief von Edmund Hillary an die Firma Rolex, in dem es heißt: To me an accurate watch is a novelty. I am one of those unfortunate people whose watches, for some some strange reason, always seem to go slow. No adjustment seems to counteract. However this Rolex has been a different matter altogether. Its accuracy is all one could desire and it has run continuously without winding ever since I put it on some nine months ago… I count your watch amongst my most treasured possessions. Leider vergessen sie dabei zu erwähnen, dass sich dieser Brief auf die British Cho Oyu Expedition im Jahre 1952 bezieht, nicht auf die Besteigung des Mount Everest. Die Smiths, die Edmund Hillary bei der Everest Expedition getragen hat, kann man übrigens heute noch besichtigen. Sie ist in London im Museum der ➱Worshipful Company of Clockmakers ausgestellt, seit Hillary sie im Oktober 1953 dem Museum geschenkt hat. Vielleicht sollten die Rolex Werbefuzzis mal einen Blick auf dieses unscheinbare Exemplar werfen: kleine Sekunde, 15 Steine, wasserdichtes Edelstahlgehäuse von der Firma Dennison. Das ist alles. Mehr brauchte man nicht, um auf den Mount Everest zu kommen.

Als die Firma Smiths die englische Mount Everest Expedition unter der Leitung von Colonel John Hunt mit ihren Uhren ausrüstet, ist sie seit einhundert Jahren im Geschäft. Sie ist nach dem Zweiten Weltkrieg die einzige englische Firma (von dem Billigproduzenten Ingersoll abgesehen), die noch Armbanduhren baut. Die Engländer hatten ja einmal  – was Taschenuhren betraf – den Uhrenmarkt beherrscht. Bevor die ➱Amerikaner kamen. Und so begann Samuel Smith im Jahre 1851 mit qualitätsvollen Taschenuhren. Durfte sogar Maker to the Admiralty auf das Zifferblatt und das Werk schreiben. Mehr geht in England nicht.

Dieses Geschäft gaben seine Nachkommen im frühen 20. Jahrhundert auf, sie sahen keine Zukunft in der qualitätsvollen Taschenuhr. Sie setzten auf den Markt, den in Deutschland die Firma Junghans beackerte: Billiguhren. Und auf etwas ganz Neues, nämlich Instrumente für diese neumodischen  Fahrzeuge, die Automobil hießen. In diesem Bereich arbeiteten sie mit einer Firma namens Jaeger zusammen, aus der eines Tages Jaeger Le Coultre werden wird (in die Flugzeuge für die Battle of Britain baut Smiths auch schamlos Kopien von Jaeger Instrumenten ein). Liebhaber von britischen vintage cars und Motorrädern wissen das alles natürlich, antique cars und vintage cars (also das, wofür wir den falschen Anglizismus oldtimer haben) sind nur echt, wenn die Instrumente von Smiths sind. Die Verbindung zu Jaeger (an deren englischem Zweig Smiths später auch Anteile hielt) sollte sich nach dem Zweiten Weltkrieg für Smiths noch auszahlen.

Da hatte nämlich der englische Handelsminister Sir Stafford Cripps beschlossen, dass England unbedingt wieder eine eigene Produktion von Armbanduhren brauchte. Denn Ende der zwanziger Jahre war die englische Armbanduhrenindustrie zusammengebrochen. Große Namen wie ➱Rotherhams, ➱J W Benson, ➱Nicole Nielsen, ➱H Williamson und die ➱Lancashire Watch Companyverschwanden von der Bildfläche. Was auch daran lag, dass die Engländer ein klein wenig den technischen Fortschritt verpasst hatten. Man kann das hier bei dem Uhrwerk von Rotherhams sehen: das hat noch eine Dreiviertelplatine, wie es im 19. Jahrhundert bei Taschenuhren üblich war. Auch die Schweizer Ankerhemmung hat den Sprung über den Kanal noch nicht so richtig geschafft. Die Engländer bauen hartnäckig ihre veraltete Spitzzahn Hemmung ein.

Nun wird die Firma Smiths federführend in einer kleinen Industriegruppe (zu der zeitweise auch der Flugzeugbauer Vickers-Armstrong gehörte, deren Erfahrung im Uhrenbau sich auf den Bau von Zeitzündern von Fliegerbomben beschränkte), die die englische Uhrenindustrie ankurbeln soll. Ihr wichtigster Partner ist dabei nicht Vickers, die nur Fabrikgebäude im walisischen Ystradgynlais (fragen Sie mich jetzt nicht, wie man das ➱ausspricht) zur Verfügung stellen. Man braucht bei Vickers nicht mehr so viel Raum, die ➱Battle of Britain ist vorbei. Der dritte Partner ist der englische Ableger der Firma Ingersoll. Mit denen gründet man jetzt die Anglo-Celtic Watch Co. Ltd. Die Firma Ingersoll (die während des Krieges in ihrer Fabrik in High Wycombe Bombenzünder gebaut hatten) wollte nach den Bombenschäden des Krieges eigentlich schon schließen. Der Londoner Direktor E.S. Daniells, der die Firma Ingersoll 1930 den Amerikanern abgekauft hatte und in England groß gemacht hatte, war gerade in Pension gegangen. Aber da winkte Sir Stafford Cripps mit staatlicher Unterstützung von einer Million englischer Pfund. Und da baut man dann scheußliche Billiguhren (mit 5 statt 15 Steinen), die Smiths Empire oder Ingersoll Triumph heißen. Je kläglicher das Produkt, desto großartiger der Name.

Doch nachdem man die erste Million Billiguhren gebaut hat, will sich Smith von den Pakt mit dem Teufel Ingersoll peu à peulösen. Schließlich hat Ingersoll keinen guten Namen. Die haben zuvor den Markt mit Mickey Mouse Uhren überschwemmt – der amerikanische Nachfolger der Firma Ingersoll heißt heute Timex, das ist nicht unbedingt haute horlogerie. Man baut bei Smiths zwar noch billige Souveniruhren für das Festival of Britain im Jahre 1951, aber man ist auch schon dabei, gute, zuverlässige Armbanduhren bauen. Da ist es wunderbar, dass man mit Robert Lenoir gerade einen neuen Technischen Direktor hat, der zuvor bei Jaeger (UK) war. Und der entwirft dieses schöne Qualitätswerk. Das zuerst nur vernickelt geliefert wird, ab 1951 ist es körnig vergoldet. Es gibt es sogar in einer Luxusausführung mit Breguetspirale. Natürlich ist es dieses 12-linige Qualitätswerk, das in die Uhren hinein wandert, die Smiths 1953 der Royal Geological Society liefert.

Dass es immer noch ein Halbplatinenwerk und kein Schweizer Brückenwerk ist, das können die Engländer wohl nicht lassen. Das Werk wird sich in den folgenden Jahren ein wenig verändern. Es bekommt eine Stoßsicherung (keine Incabloc, die jeder hat, sondern so etwas Feines wie eine ➱Kif-Stoßsicherung, die LeCoultre auch verwendet), eine schraubenlose Glucydurunruh und eine indirekte Zentralsekunde. Das ist dieser kuriose kleine Aufbau mit dem Zahnrad auf dem 27.CS Werk. Mit einem solchen Werk (das es sogar in einer Luxusausführung mit Breguetspirale gibt) bekommt man auch neue ➱Kunden. Die vornehmsten Geschäfte in London wie ➱Benson, ➱Garrards und Asprey handeln jetzt mit Smiths Uhren. Wenn Sie das Smiths De Luxe Uhrwerk einmal ticken sehen wollen, klicken Sie ➱hier.

Wenig später gelingt es Smiths, Andrew Fell (der der Direktor des National College of Horology gewesen war) als Berater zu verpflichten. Der konstruiert der Firma für das Modell Imperial ein moderneres 19-steiniges Werk mit Zentralsekunde, das Kaliber 0104. Und auf der Basis dieses Werkes wird die Firma Smiths im Jahre 1960 die erste englische Automatik bauen. Das wird in der Presse als nationales Ereignis gefeiert. Da ist man hinter der Schweiz um Jahrzehnte zurück.

Leider hat man bei der Konstruktion dieses wirklich schönen Uhrwerks vergessen, bei der ➱IWC in Schaffhausen anzufragen, wie es denn mit den Patentrechten und den Lizenzgebühren aussehen würde. Denn das Werk ist nichts anderes als eine Kopie des berühmten ➱Pellaton Aufzugs, der in den Automatikuhren der IWC der Kaliber 85 zuverlässig seinen Dienst tut. Es kommt wie es kommen musste, hohe finanzielle Forderungen der IWC, Einstellung des Baus des Automatikkalibers 0144G. Es rechnete sich jetzt nicht mehr. Die Automatikuhr hatte 1960 in der Edelstahlausführungen 25 Pfund gekostet, damit war man keine Konkurrenz für Schweizer Automatikuhren.

Danach scheint man sich bei der Firma Smiths nicht mehr so richtig für den Uhrenbau zu interessieren, das Kerngeschäft ist jetzt wieder der Instrumentenbau (das macht die Firma noch heute). Aber dann bekommt man Ende der sechziger Jahre den Zuschlag für einen Regierungsauftrag für die Lieferung von Militäruhren (lesen Sie ➱hier dazu mehr). Das ist die berühmte Smiths W10, eine Uhr hinter der alle Sammler hinterher sind (natürlich besitzt dieser Blogger eine). Die letzte Uhr, die auf dem Zifferblatt anstelle des Swiss Made ein Made in England trägt.

Sir Edmund Hillary ist nach der Besteigung des Mount Everest mit Uhren beschenkt worden, natürlich hat auch der Sherpa Tenzing Norgay eine goldene Rolex bekommen (hier im Bild). Einige Jahre später hat Hillary bei der Commonwealth Trans-Antarctic Expedition übrigens weder eine Smiths (wie der Expeditionsleiter Sir Vivian Fuchs) noch eine Rolex getragen. Sondern eine IWC aus Schaffhausen (➱hier ein Photo von der Übergabe). Das war das Modell XI, das die IWC damals an die englische Royal Air Force lieferte – und das dann später durch die Smiths W10 abgelöst wurde.

Falls Sie auf den Mount Everest klettern wollen, wäre eine alte Smiths natürlich stilecht. Ich würde meine Smiths Astral Taucheruhr tragen, die das heute (im Gegensatz zu mir) wahrscheinlich noch aushalten würde. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir allerdings sagen, dass natürlich jede Armbanduhr mit einem wasserdichten Stahlgehäuse und einem guten Werk den Weg auf den Gipfel geschafft hätte. Der neueste Gag für Bergsteiger oder Möchtegern Bergsteiger ist eine Uhr der Firma Kobold, ➱Modell HimalayaHandmade in Nepal. Das Zifferblatt ist aus einem kleinen Stückchen Fels vom Everest Gipfel. Das Teil kostet 16.500 $.

Gerade hat ein Achtzigjähriger den Berg bestiegen, er steht jetzt im Guinness Buch der Rekorde. Man hat nach fünfundsiebzig Jahren George Mallorygefunden, der ja vielleicht 1924 den Gipfel erreichte. Man musste, sensationsgeil wie man heute ist, unbedingt die Photos seiner Leiche veröffentlichen. Irgendwie gerät das Ganze aus den Fugen. I think the whole attitude towards climbing Mount Everest has become rather horrifying, hatte Hillary im Alter gesagt. Das hier ist eine Statistik der Bergbesteigungen seit 1953, es sind inzwischen wohl über sechstausend. Das Ganze ist schon zum Massentourismus geworden (lesen Sie doch dazu ➱hier den Beitrag von Reinhold Messner), der Berg zum Müllberg und Rummelplatz für gutverdienende Massentouristen. Die wahrscheinlich alle eine Rolex Explorer am Arm haben.

George Mallorys Uhr hat man auch gefunden, als man den Leichnam fand. Sie hat wahrscheinlich ungefähr so ausgesehen. Solche Uhren haben auch den Ersten Weltkrieg überstanden, das Werk ist in einem wassergeschützten Gehäuse eingekapselt. Die Zwiebelkrone deutet darauf hin, dass hier eine Dichtung eingebaut ist. Wahrscheinlich ist das ➱Gehäuse von François Borgel, dessen Firma die erste war, die sich auf wasserdichte Uhren spezialisiert hatte. Warum soll man damit nicht auf den Mount Everest klettern? Man wartet ja nur darauf, dass irgendeine Firma diese Uhr neu vermarktet.

Auf den Gipfel ist das Ziel und das Ende unseres Lebens, auf ihn ist unsere Wallfahrt gerichtet, hat ➱Petrarca in einem Brief geschrieben. Der ja vielleicht den Mont Ventoux erklommen hat: Den höchsten Berg unserer Gegend, der nicht unverdienterweise der windige genannt wird, habe ich gestern bestiegen, lediglich aus Verlangen, die namhafte Höhe des Ortes kennenzulernen. Und auf dem Gipfel des Berges liest Petrarca, der keine Uhr dabei hat, in ➱AugustinusConfessiones just die Stelle: Da gehen die Menschen, die Höhe der Berge bewundern und die Fluten des Meeres, die Strömungen der Flüsse, des Ozeans Umkreis und der Gestirne Bahnen, und verlieren dabei sich selber.

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