Precision Class

Juni 24, 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Uhr, die Thomas Mudge 1770 für seinen König baute, hatte eine große Unruh. Uhrmacher schworen damals auf langsam schwingende, große Unruhen. Hier eine Unruh von einem pocket chronometer von John Arnold (der auch Uhren für George III gebaut hat); die seltsame Form, mit der man den Gang regulieren kann und Schwankungen der Temperatur kompensieren will, beachten wir mal eben nicht. Arnold hat mit verschiedenen Typen der Unruh experimentiert, dies ist eine vom Typ 0Z.

Im Laufe der Zeit sind die Schwingungszahlen der Unruh immer weiter gestiegen, genügten vor hundert Jahren 18.000 Halbschwingungen in der Stunde, so war man vor vierzig Jahren stolz auf Schnellschwinger, die es auf 36.000 A/h brachten. Und die natürlich eine ganz kleine Unruh hatten. Ich illustriere das hier mit der zwergenhaft kleinen Unruh in dieser Longines. Das Werk kam von der ETA und wurde auch an andere Uhrenhersteller geliefert. Nach der Schnellschwinger Euphorie der siebziger Jahre haben heute alle Uhrwerkshersteller die Schnellschwinger aufgegeben, einzig Zenith verwendet die 36.000 A/h noch in seiner El Primero (das Werk tickte ja auch Jahrzehnte lang in den ➱Rolex Chronographen).

Aber für die Konstrukteure, die Werke bauten, die alle Werte der Chronometerprüfung bei den jährlichen Präzisionswettbewerben weit unterboten, war das Ziel immer eine schöne große Unruh. Das hier ist eins der ästhetisch schönsten Handaufzugswerke, die in der Schweiz gebaut wurden. Es ist das berühmte 13-linige Kaliber 135 von Zenith, das 1948 auf den Markt kam. Nur das Kaliber Peseux 260, das von verschiedenen Firmen für Chronometerwettbewerbe verwendet wurde, reichte an dieses Werk heran. Die ungewöhnliche Konstruktion des Kaliber 135 mit einer indirekten Minute erlaubte die Verwendung einer sehr großen Unruh und eines großen Federhauses: ein Garant für einen stabilen Gang. Die Breguet Spirale ist vielleicht bei einer Glucydur Unruh überflüssig, aber in der traditionellen Horlogerie hielt sie sich noch sehr lange. Die Kurvenscheibe für die Feinregulierung hatte Zenith bei seinen Taschenuhren schon immer verwendet. Das Zenith Kaliber 135 gab es auch in einer Version, die nicht als Chronometer geprüft war, diese Uhren trugen den Namen Zenith 2000.

Die Uhrenhersteller haben immer gewusst, das ein 13-liniges Werk (also ein Werk mit 30 mm Durchmesser) die ideale Größe eines Armbanduhrwerks war. Omega hatte sein 30T2, das alle Präzisionsrekorde hielt – und das auch noch nach siebzig Jahren sehr gut gehen kann. Das AS 1130 (das man auch Wehrmachtswerk nannte, weil es in allen Uhren der Wehrmacht war, die keine Manufakturuhren waren) verdankte seinen Ruf seiner Größe, wie auch das Zenith 135 oder das Peseux 260. Die natürlich in einer anderen Klasse tickten. Selten ging man über die 30mm Norm hinaus, wie zum Beispiel hier in dem 14-linigen Eterna Kaliber 852. Das auch in Uhren verbaut wurde, die am Arm von tschechischen Piloten ihren Weg in die Royal Air Force fanden.

Es hat die Bauweise einer Taschenuhr, mit Kronrad und Sperrrad unter einer Brücke (was Stabilität garantiert) und nicht à vue. Eterna hat bei seinen Handaufzugswerken lange auf diese klassische Bauweise gesetzt, die bei der IWC mit dem Kaliber 83 aufgegeben wurde. Die Konstruktion des Zenith mit der indirekten Minute ist nicht unbeobachtet geblieben, die Eterna (und wenig später die ETA) ging in der Mitte der fünfziger Jahre zu einer ähnlichen Konstruktion über, um eine große Unruh verwenden zu können (ein Jahrzehnt später gab es das in der Glashütte Spezimatik auch). Dass man eine große Unruh heute immer noch bauen kann, zeigt dieses schöne Werk von Volker Vyskocil.

Die Unruh des Eterna Kalibers 852 hat übrigens einen Durchmesser von 13,5 mm – das Zenith 135 kommt sogar auf 14 mm – das erreichen manchmal kleine Taschenuhren nicht. Dieses Bild hätte nicht unbedingt sein müssen, das ist ein Citizen Chronometer mit einem 13-linigen Werk (und 31 Steinen!). 1963 hatte die Schweiz der Firma Seiko 63 zum ersten Mal erlaubt, an einem Wettbewerb für Chronometer teilzunehmen. Wenige Jahre zuvor waren Seiko und Citizen noch nicht in der Lage gewesen, eigene Uhrwerke zu bauen. Jetzt sind sie bei den Chronometern mit dabei. Mit einem Werk, zu dem man nur sagen kann: form follows function. Oder: potthäßlich.

Statt weiterhin 30mm Werke zu bauen, konstruierte man gegen besseres Wissen immer kleinere (und flachere) Werke. Weil man die auch in Damenuhren und rechteckige Uhren einschalen konnte. Die natürlich niemals die Ganggenauigkeit und Langlebigkeit eines großen Werkes erreichen konnten (das Patek Kaliber 10-200 ist nur neun Millimeter größer als die Unruh der Zenith!). Hier noch einmal das Zenith Kaliber, diesmal in ungewohnter Form. Es war nie in einem Uhrengehäuse, es steckte in einem hölzernen Gehäuse und wurde bei einem Chronometer Wettbewerb eingereicht. Das erklärt auch die ungewöhnliche Form der Feinregulierung (mit der man auch ➱Abfallfehler korrigieren kann) und die fehlende Stoßsicherung. Viele Manufakturen glaubten noch in den fünfziger Jahren, dass eine Stoßsicherung den Gang verschlechtern würde. Bei einer Uhr, die nur zu einem Chronometer Wettbewerb geschickt wird, ist eine Stoßsicherung natürlich unnötig, sie ist keinen Alltagsbelastungen ausgesetzt. Weshalb die Uhr allerdings keine Glucydurunruh sondern eine bimetallische Kompensationsunruh hat, das wird nur der Regleur wissen.

Dies Uhrwerk hier ist nicht in der Schweiz gebaut worden, es tickt in einer russischen Wostok. Oder auch in einer Wolna, was nur ein weiterer Markenname der Uhrenfabrik Tschistopol ist (ab Mitte der sechziger Jahre verwendete Wostok einheitlich den Namen Wostok), die 800 km östlich von Moskau liegt. Das linke Werk ist vergoldet, das rechte vernickelt – das macht keinen Unterschied, obgleich das Gerücht geht, dass die vergoldeten besser sind. Man sieht auf den ersten Blick zwei Dinge: das Kaliber 2809 der Firma Wostok ist dem Kaliber 135 der Firma Zenith sehr ähnlich. Und zum zweiten: der Grad der Feinbearbeitung ist bei Zenith höher. Was man auf den ersten Blick nicht sieht, ist dass man das 22-steinige Wostok Werk leicht umkonstruiert hat, sodass es jetzt eine Zentralsekunde statt der kleinen Sekunde hat.

Man kann bei dieser Detailaufnahme von Unruh und Feinregulierung des Wostok Werkes sehen, dass es bessere Qualitäten als dieses Werk gibt. Der Unruhkloben ist nicht angliert, und man kann der Kurvenscheibe schon beinahe ansehen, dass sie wackelt. Ich sage das, weil ich das Kaliber 2809 von oben und unten kenne. Ein freundlicher Händler hat mir mal eine ganze Pappschachtel dieser Werke geschenkt. Die werden sorgfältig in einer Schublade als Ersatzteile gehortet. Obgleich dieses Werk das Spitzenprodukt der russischen Uhrenindustrie war, ist die Verarbeitung doch eher rustikal. Klicken Sie zum Vergleich noch mal eben das ➱Zenith Werk an.

Das Poljot 2809 ist nicht das einzige Werk in russischen Uhren, das außerhalb Russland konstruiert wurde. Sammler erkennen bei diesem Sarja (Swjesda) 2602 der Ersten Moskauer Uhrenfabrik sofort das berühmte, von André Donat konzipierte Lip T18, das von 1933 bis 1949 in Besançon produziert wurde. Der Franzose Fred Lipman hatte den Russen in den dreißiger Jahren die Baupläne für dies Werk (und andere wie zum Beispiel das Kaliber R26 und das Taschenuhrkaliber R43) verkauft. Als die Deutschen 1939 Besançon besetzten, verlor die russische Uhrenindustrie einen ihrer wichtigsten Zulieferer.

Die Rechteckuhren von Lip mit dem T18 Kaliber können sehr formschön sein. Ich habe genau dieses Modell in Edelstahl, allerdings mit schwarzem Zifferblatt. Ist nach beinahe achtzig Jahren immer noch cool. Es sind heutzutage viele der Rechteckuhren der Firma Lip (häufig unter dem Modellnamen Churchill) auf dem Markt. Aber das sind meistens Repliken, die ein billiges Quarzwerk von Ronda besitzen.

Seit ihren Gründungstagen hatte die Sowjetunion versucht, eine eigene Uhrenproduktion auf die Beine zu stellen. Vor der Revolution war der russische Uhrenmarkt fest in Schweizer Hand. Für die Firma Tissot war Russland das Kerngeschäft, Paul Buhré (hier eine goldene Uhr dieser Firma) hatte sich sogar in Pawel Buhré umgenannt und besaß seit 1815 ein Geschäft in Petersburg. Und der junge ➱Blaise Cendrars hatte vor der Revolution bei dem Schweizer Juwelier und Uhrmacher Henri Albert Leuba in St. Petersburg gearbeitet.

1922 war die Aviapribor, ein Zusammenschluss für feinmechanische Geräte, speziell elektromechanischer Geräte für Flugzeuge gegründet worden, 1924 die MEMZ (Moskauer Elektro-Mechanische Betrieb). Die MEMZ soll jetzt die Industrie mit elektrischen Uhren, Weckern und Wanduhren versorgen. Wozu man den Wecker Bravo der deutschen Firma Junghans kopiert und als russischen B-1 Wecker anbietet. 1927 beschließt man die Gründung der 1. Staatlichen Uhrenfabrik (1 ГЧЗ), wo pro Jahr 1,5 Millionen Wanduhren, 400.000 Wecker und 45.000 elektrische Zeitmesser entstehen sollen. Planziele sind auf dem Papier immer schön. 1930 wird die MEMZ in Slawa (Zweite Moskauer Uhrenfabrik) umbenannt. Uhrmacherisch ist man noch Lichtjahre von den Schweizer Produkten aus der Zeit vor der Oktoberrevolution entfernt, die stolz den russischen Doppeladler trugen.

Inzwischen hatte die Amerikanskoe Torgovlye in den USA zwei Uhrenfabriken gekauft (die Dueber Hampton Watch und die Ansonia Clock Company), die demontiert und nach Russland verschifft wurden (Verhandlungen mit einer Schweizer Fabrik hatten sich in letzter Minute durch den Einspruch der Schweizer Regierung zerschlagen). Die Maschinen der  amerikanischen Fabriken wurden in Moskau unter der Anleitung von sechzig amerikanischen Uhrmachern wieder aufgebaut. Am dreizehnten Jahrestag der Oktoberrevolution konnte man voller Stolz die ersten fünfzig Taschenuhren vom Typ 1 an Parteifunktionäre liefern. Man hatte auch in Deutschland erfolglos versucht, eine Uhrenfabrik zu kaufen. Aber nach dem Zusammenbruch der Glashütter Uhrenindustrie (also bevor die von ➱Dr Kurtz wieder erfolgreich aufgebaut wurde) konnte man immerhin einige Fachleute mit einem Siebenjahresvertrag nach Moskau locken. Lesen Sie ➱hier mehr dazu.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die russische Uhrenindustrie noch eine Vielzahl von Bauplänen, Maschinen und Werkzeugen aus der Schweiz bekommen (lesen Sie in dieser ➱Übersicht mehr dazu). Wozu neben dem Kaliber Zenith 135 auch noch das Weckerwerk AS 1475 (das als Poljot 2612.2 weitergebaut wurde), das Kaliber Venus 150 (das in den Strela Schaltrad Chronographen ist) und das Favre-Leuba Werk mit dem Doppelfederhaus (das dann Slawa 2427 hieß, aber nie so gut aussah wie das Original hier) zählten. Da ein großer Teil der Werke heute noch verbaut wird, gibt das dem Sammler die Gelegenheit, preisgünstig an interessante Schweizer Werke zu kommen. Man munkelt, dass manchmal auch die russischen Werke zurückgekauft, in der Schweiz veredelt und in teure Uhren eingeschalt werden.

An dieser Stelle möchte ich mal eben einen russischen Krimi empfehlen, in dem Uhren eine Rolle spielen. Ich bekam ihn vor vielen Jahren von Friedrich Hübner (der alles über die ➱russische Literatur weiß und auch Uhren sammelt) geschenkt. Der Roman heißt Uhren für Mr. Kelly, geschrieben von den Brüdern Arkadi und Georgi Wainer. Der Roman erschien in der Übersetzung von Harry Burck 1974 im Ostberliner Verlag Das Neue Berlin. Er hätte ebenso gut in der renommierten Krimireihe des Rowohlt Verlages erscheinen können, die Richard K. Flesch herausgab. Dass jenseits der Grenze auch gute Krimis verlegt wurden, das wusste Flesch, immerhin teilte er sich mit dem Verlag Volk und Welt die deutschen Verlagsrechte für das Autorenpaar Sjöwall und Wahlöö (die ➱hier einen Post haben, in dem auch Richard Flesch gewürdigt wird). Die Romane von Sjöwall Wahlöö waren die Bestseller der Rowohlt Reihe, Flesch hat mir damals unter dem Siegel der Vertraulichkeit die Auflagezahlen genannt. Also in aller Kürze, Uhren für Mr. Kelly ist ein brillant geschriebener Krimi. Wenn Sie immer schon einmal wissen wollten, wie viele Unruhwellen man in einem Glasfläschchen transportieren kann, dann sollten Sie diesen Roman lesen. Man bekommt ihn antiquarisch ab einem Cent.

Ein Sahnestückchen wie eine Wostok mit dem Precision Class auf dem Zifferblatt zu bekommen, wird dagegen schon schwierig. Die Uhren erfüllten damals den Standard für russische Chronometer (Werke, die dem Standard nicht genügten, wurden unter der Marke Almaz verkauft), und inzwischen haben die Sammler gemerkt, dass sie den Nachbau des Zenith 135 enthalten. Chronometerwerte erreicht keins meiner beiden Exemplare. Leider habe ich keine Uhr mit dem Kaliber 135, es ist sehr selten, nur etwa zehntausend Stück wurden davon gebaut. Aber meine Zenith Uhren mit den Kalibern 40120 und 12-4.5.6 schaffen die Chronometernorm nach über sechzig Jahren noch alle. Leicht und locker. Das ist der Unterschied zwischen Swiss Made und Made in USSR.

 
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