Bremer Uhrengeschichten

Juli 11, 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

War da nicht noch irgendwo Platz für eine Uhr? Wenn schon eine Uhrenfabrik (die im Jahre 1997 die größte Kuckucksuhr außerhalb des Schwarzwaldes gebaut hatte) so etwas baut, dann möchte man doch auch einen Zeitmesser an der Hauswand haben. Dies Gebäude brachte der Harzer Uhrenfabrik den Eintrag im Guinness Buch der Rekorde, der da lautete: Das Guinness Buch der Rekorde bestätigt nach sorgfältiger Prüfung die Rekordleistung: Am 11. Juli 1999 baute die Harzer Uhrenfabrik GmbH aus Gernrode ein Wetterhaus mit 9,80 m Höhe und 5,20 m Breite. Dazu gehören 2 aus Lindenholz geschnitzte Figuren, ein Barometer, ein Thermometer und ein Wasserrad.

Die Harzer Uhrenfabrik fungiert neuerdings unter dem Namen Carl Grüttert Uhrmacher seit 1890 GmbH. Ein Uhrengeschäft gleichen Namens gibt es in Bremen auch. Die bieten auch im Internet eine Bremer Maritime Uhr an. Die Harzer Uhrenfabrik in Gernrode, die es erst seit 1948 gibt (und nicht seit 1890), ist vor Jahren in die Insolvenz gegangen, kurz nachdem sie der Welt ihr rekordverdächtiges Wetterhäuschen präsentierte. Jetzt ist sie von der Firma Carl Grüttert gekauft worden und stellt Armbanduhren her. Kuckucksuhren aus dem Harz sind offensichtlich kein Verkaufsschlager.

Maritime Uhren mit Schiff und Anker auf dem Zifferblatt bot die Bremer Im- und Exportfirma Carl Melchers auch mal an, aber die war schon seit einem Jahrhundert in dem Geschäft, weil sie Uhren nach China exportierte (sie arbeitet da übrigens mit vielen renommierten Firmen – unter anderem Patek Philippe – zusammen). Heute importieren sie wahrscheinlich Uhren aus China. Ich habe nie eine Uhr von Grüttert oder von Melchers besessen. Was wusste ich damals schon von Uhren? Meine Junghans, die ich zur Konfirmation bekam, war von Eckelt in der ➱Gerhard Rohlfs Straße. Ich kannte die Familie, weil die Tochter mit mir in der Volksschule war. Unsere Standuhr im Flur wurde von ➱Henning Paulsen gewartet, der den eindrucksvollen Titel eines Bremer Domuhrmachers hatte. Der saß früher hinter der Burger Brücke (da wo der ➱Trolleybus begann), jetzt residiert er in ➱Knoops Park.

1958 wurde es meiner Mutter zuviel mit Vaddis alter Junghans, die noch aus der Vorkriegszeit stammte. Zumal die auch immer häufiger zu Molgedei zur Reparatur musste. Sie kaufte ihm im vornehmstem Geschäft von Bremen, Brinckmann und Lange in der Sögestrasse (Nr.1), eine Eternamatic, Edelstahl mit Goldhaube. Weil ihr der Verkäufer gesagt hatte, dass diese Uhr aus der ➱Präzisionsuhrenfabrik in Grenchen das Beste sein, was man kaufen könnte. Von ➱Rolex war in dem Geschäft damals nicht die Rede. Die Eterna, die schon das neue Werk hat, das in den ➱Centenaire Modellen war, hatte, das muss betont werden, nur eine Goldhaube, ganz in Gold hätte Vaddi nicht genommen.

Die Firma Brinckmann und Lange bestand schon seit 1874 (das Photo zeigt das Firmengebäude am Eingang der Sögestraße im Jahre 1925, im Vordergrund wird gerade Karstadt gebaut, hieß damals noch Fachgeschäft für Herren- und Knaben-Garderobe). Brinckmann und Lange hat sich durch Geschenke an den Oldenburger Großherzog den Titel eines Hoflieferanten Sr. königl. Hoheit des Grossherzogs von Oldenburg erkauft. Später kommt noch ein Hoflieferant-Titel vom Fürsten von Lippe dazu. Für diesen Titel hat man 1.200 Goldmark an das Hofmarschallamt in Detmold zahlen müssen. Die wohlklingenden Titel wurden in Bremen nicht so gut aufgenommen, weil wir es ja nicht so mit Königs haben. Sprüche machen die Runde, ob der nächste Hof der Viehhof oder der Schlachthof sein wird.

Mary Brinckmann, die einen Lange geheiratet hat, wird 1914 die erste Frau in Bremen sein, die einen Führerschein hat. Zuerst hat man überhaupt keine Uhren im Angebot, um die Jahrhundertwende ist dann in Anzeigen die Rede von Feine Schweizer- und Glashütter Taschenuhren. Eines Tages wird es auch Armbanduhren geben. Die Großhandelsfirma Ernst Dohrmann (Domsheide 5) schickt einen Vertreter namens Mensen mit Herrenarmbanduhren vorbei. Firmengründer Gerhard Lange ist hin- und hergerissen. Er wittert ein gutes Geschäft, versteht aber überhaupt nichts davon, ringt sich dann aber zu dem unsterblichen Satz durch: Mensen, ek verstoh do jo nix von – ober: schietst mi an, bist buten. Die Geschäftsbeziehungen zwischen Lange und Dohrmann werden jahrzehntelang bestehen bleiben.

Dohrmann hatte sein Geschäft von Rostock nach Bremen verlegt und wurde nach dem Ersten Weltkrieg zu einem der Großen Vier, jener vier Großhändler, die ganz Deutschland unter sich aufgeteilt hatten. Er wird auch die Marke ➱ZentRa mitbegründen. Als Sammler der aus Bremen kommt, besitze ich natürlich heute eine alte EDO-Uhr. In der Schweiz gefertigt, erstklassiges Edelstahlgehäuse mit antimagnetischer Weicheisenkapsel, erstklassiges Werk. Stammt aus der Nachkriegszeit, vorher hatte Dohrmann das gleiche Modell an Rommels Afrikakorps verkauft. Meine Mutter wird meinem Vater mal eine Quarzuhr von Henry Kaufmann aus ➱Helgoland mitbringen, zu der Zeit als Quarzuhren ganz neu und noch richtig teuer sind. Und es sie noch nicht bei Tchibo als Zugabe für ein Pfund Kaffee gibt. Aber die gefällt meinem Vater nicht, erst liegt sie ein Jahr in einer Schublade, dann kriege ich sie. Ich habe sie immer noch.

Die Eterna werde ich eines Tages erben (ebenso wie die silberne Eterna Taschenuhr, die sich Opa zu Anfang des Jahrhunderts gekauft hatte), ich bringe sie zur Überholung zu einem Kieler Fachgeschäft und bekomme sie einen Monat später vom Uhrmacher zurück, der zu mir sagt: Herr Doktor, passen Sie gut auf die Uhr auf, diese Qualität gibt es heute nicht mehr. Der Uhrmacher heißt Weißflog, man hört es ihm an, dass er aus Sachsen kommt. Er ist mit dem Skispringer verwandt, jeder fragt ihn das. Die Firma hat ihn gleich nach dem dem Ende der DDR aus Glashütte geholt. Die Mauer war noch nicht gefallen, da waren die Vertreter von Wempe, Christ und Mahlberg und wie die Läden alle heißen, ja schon in Glashütte, um alle Uhrmacher der DDR abzuwerben. Im Westen gibt es keine mehr.

Die Firma Brinckmann und Lange gibt es auch nicht mehr, aber Wempe hat in der Sögestraße natürlich ein Geschäft. Mahlberg auch, aber in Bremen heißen die ➱Meyer. Da kann man bestimmt auch eine Rolex kaufen, aber eine gute alte Eterna, die gibt es da nicht mehr. Und der Herr Weißflog, ein uhrmacherisches Genie, ist auch nicht mehr bei Mahlberg. Mein Uhrmacher, der bei Eckelt in Vegesack gearbeitet hatte (wo auch mal für kurze Zeit der Dieter Delecate gewesen sein soll, der 1957, als ➱Dr Kurtz seine Fabrik schloss, von ihm die Namensrechte von Tutima kaufte) und seine Uhrmacherlehre bei dem Domuhrmacher Paulsen absolviert hat, hat längst seinen Laden zugemacht. Weil es ihm zu blöd ist, den ganzen Tag nur Batterien für gefälschte Rolex Uhren auszuwechseln.

Das Geschäft vom Uhrmacher Hugo Molgedei in der Bahnhofstraße (das hier vorne links war, gleich hinter dem Haus von Tante Cilli), wo meine Eltern mir vor fünfzig Jahren eine Tissot Seastar gekauft haben, ist auch nicht mehr da. Und die Bahnhofstraße heißt natürlich längst nicht mehr Bahnhofstraße. Aber meine Tissot Seastar geht nach fünfzig Jahren (trotz eines schlimmen Segelunfalls) immer noch hervorragend. Bevor ich jetzt wieder in die Litanei einstimme, dass früher alles besser war, schließe ich doch lieber mit dem Satz von Jean Paul: Kinder und Uhren dürfen nicht beständig aufgezogen werden. Man muß sie auch gehen lassen.

 
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