AS 5008

Dezember 3, 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

 

Auf dem Rotor der Uhr kann alles Mögliche draufstehen. Hier steht Girard-Perregaux drauf, ich hätte für die Abbildung auch eine Uhr von Maurice Lacroix nehmen können. Oder von Dunhill. Die Liste der Firmen, die in den letzten zehn Jahren die Restbestände des Kalibers AS 5008 entdeckt haben, ist lang. Auf meinem Rotor steht außer 25 Jewels gar nichts drauf (es gab das Werk auch mit 17 oder 21 Jewels), das Zifferblatt trägt den Namen Terry, was ein Markenname der Firma Weber & Aeschbach ist (Phillip Weber wurde hier letztens in dem Post ➱Ein Platz an der Sonne erwähnt). Die diese Uhr auch unter ihrem Namen Arctos verkauften.

Das AS vor der Modellnummer steht für Adolph Schild, der in Grenchen eine Fabrik für Uhrenrohwerke besaß. Neben der Fabrik von Eterna, die seinem Bruder gehörte. Denn die Gründer der Uhrenfabrik Eterna (die ➱hier schon einen Post hat) hießen Urs Schild und Dr Joseph Girard. Bei der Eterna hat Adolph Schild angefangen, hatte sich dann aber von seinem Bruder getrennt und 1896 seine eigene Fabrik aufgebaut, die nach seinem Tode von seinem Sohn Adolf (1879-1970), hier auf dem Photo links neben dem Piloten, geleitet wurde. Bei der Eterna war man über die Konkurrenz nicht unbedingt glücklich, denn man stellte ja nicht nur Uhren her, sondern belieferte die Schweiz auch mit Rohwerken, die den Namen ETA trugen.

Als Urs Schild in der Mitte des 19. Jahrhundert seine Fabrik aufbaute, hatte das Bauerndorf Grenchen gerade eine Poststelle bekommen. Zwanzig Jahre später war die Straße zu seiner Fabrik immer noch nicht gepflastert. Fortschritt bedeutete in der Schweiz damals, dass alles etwas länger dauert. Heute vielleicht immer noch, es gibt wahrscheinlich genau so viel Witze über die Langsamkeit der Schweizer, wie es Blondinenwitze gibt. Aber zum Ende des Jahrhunderts hatte Schild das erreicht, was er erreichen wollte: aus einem verarmten Bauerndorf eine kleine Industriestadt zu machen. Die beiden Schild Familien beherrschten beinahe monopolmäßig den Schweizer Uhrenmarkt. Und einen kleinen Flugplatz bekamen sie irgendwann auch, dafür hatte Adolf Schild gesorgt.

Viele Werke der Firma Adolph Schild sind berühmt geworden. Das hier ist das sogenannte Wehrmachtswerk, allerdings in einer Luxusversion. Das normale Kaliber AS 1130 war etwas ➱einfacher. Das Werk war in allen Uhren der Schweizer Firmen, die keine Manufakturen waren. Die Wehrmacht bestellte das AS 1130 grundsätzlich mit einer Stoßsicherung (Marine und Luftwaffe nicht). Die Militäruhren (lesen Sie mehr in dem Post ➱Militäruhren) der Engländer und Amerikaner hatten übrigens keine Stoßsicherung, aber die Engländer und Amerikaner haben auch ohne Stoßsicherungen den Krieg gewonnen.

Ein Armbanduhrenwerk mit Weckfunktion (allerdings nur für den Handaufzug) hatte es bei der Firma AS schon einmal gegeben, das war das AS 1475, von dem von den fünfziger Jahren bis 19770 wohl 800.000 Stück gebaut wurden. Dazu kommen noch einmal unbekannte Zahlen des ➱Poljot 2612, das beinahe baugleich war. Es ist das am meisten gebaute Weckerwerk überhaupt. Man findet das Werk in Uhren jeder Marke (ich habe es, sehr schön feinbearbeitet, in einer alten Tissot Sonorous). Sogar ➱Rolex hat es in den Uhren seiner Zweitmarke Tudor verwendet, wie man hier sehen kann.

Das AS 5008, das Anfang der siebziger Jahre auf den Markt kam,  ist ein kleines Wunderwerk. Die Uhr kann beinahe alles. Außer Kaffeekochen natürlich. Das Datenblatt der Firma liest sich ein wenig trocken: Ankerwerk, Wecker, Zentralsekunde direkte Übertragung, mit Datum sichtbar durch Fenster im Zifferblatt, mit plötzlich schaltender Wechselvorrichtung, Datumkorrektur, Feinregulierung, Sekundenstopp, 28.800 Halbschwingungen. Ich habe hier ein Bild von einer Uhr mit dem Kaliber 5008 gefunden, die noch ein aufgeklebtes Piktogramm als Bedienungsanweisung auf dem Boden hat. Das ist sicherlich sehr nützlich, weil vielen Käufern die Bedienung offensichtlich zu kompliziert war. Ich denke dabei an Til Schweiger, den Helden aus Manta, Manta, weil die Firma ZentRa ein Modell mit dem Namen ZentRa Manta Alarm anbot. War bestimmt für Manta Fahrer. Bei Fortis hieß das Modell Brain-Matic, das war bestimmt nix für die Liebhaber von Fuchsschwänzen an Autoantennen.

Das 30 mm große ➱AS 5008 war nicht nur ein Automatikwerk mit 28.800 A/h, es bot auch eine Weckerfunktion, die die Uhr für knapp zehn Sekunden schnarren ließ. Zum Einstellen der Weckzeit und Aktivierung der Weckfunktion dient die untere Krone. Mit der oberen kann man die Uhr aufziehen und mittels der Schnellschaltung Tag und Datum einstellen. Man kann die Uhr sekundengenau einstellen, denn sie besitzt einen Sekundenstopp. Der Rotor zog in einer Richtung das Federhaus des Werkes auf, in der anderen Richtung das Federhaus des Weckers. Wie man auf diesem Detailphoto sehen kann, besitzt das Werk neben einer Incabloc Stoßsicherung auch eine Feinregulierung. Mit all diesen Details ist es vierzig Jahre nach seiner Einführung immer noch ein hochmodernes Werk.

Es war seiner Zeit voraus, es hatte nur das unglückliche Schicksal, dass es zur falschen Zeit kam. Denn inzwischen gab es die Quarzuhr, und da konnte man eine Uhr mit einem fiependen Wecker sehr viel billiger bekommen, als das bei einer mechanischen Uhr möglich war. Eine solche Certina mit dem AS 5008 kostete 1974 immerhin stolze 425 Schweizer Franken. Die Adolph Schild Société Anonyme (ASSA) verkaufte das Werk am Ende an jedermann, um es los zu werden. So kam auch die Marke ZentRa in den Genuß des Werkes, nicht nur Longines, Bulova, Zodiac oder Certina.

Das Werk ist relativ rar, nur 175.000 Stück sind von 1973 bis 1977 gebaut worden. Den Besitzern eines alten ZentRa Manta Alarm Modells wird es ein Trost sein, dass in einer sauteuren Louis Vuitton auch nichts anderes drin ist. Die Uhren, in denen das AS 5008 verbaut wurde, sind ziemlich groß, richtige Oschis. Das entsprach dem Zeitgeschmack, ist aber auch heute wieder gefragt. Man kann in diesem ➱Video eine Vielzahl dieser scheußlichen Gehäuse bewundern – und sich auch das Geräusch des Weckers anhören. Meine Uhr hat ein Edelstahlgehäuse mit einem Druckboden, das den Schriftzug Discu-Safe trägt.

Das war eine Marke von Richard Pfisterer in Pforzheim, der unter diesem Namen wasserdichte Gehäuse herstellte. Es gibt von der Firma auch Gehäuse, die den Namen RP ultra-save mit einem Fischsymbol haben. Dass die Uhr wasserdicht ist, sollte man natürlich heute nach vierzig Jahren nicht mehr voraussetzen. Alltagstauglich ist sie auf jeden Fall. Für eine guterhaltene Uhr mit dem Kaliber AS 5008 wird man heute mindestens das ausgeben müssen, was damals eine Certina kostete. Allerdings in Euro.

Heute werden aus nachbearbeiteten und ergänzten Lagerbeständen Wecker z.B. von Bulova, Eterna, Maurice Lacroix, Nivrel und Ulysse Nardin hergestellt. Für Hersteller der mittleren Preislage wird es immer schwieriger, noch Exemplare dieses Werkes zu vertretbaren Preisen zu bekommen, so daß es diesen Uhrentyp wohl bald nur noch als Nobeluhr geben wird, heißt es bei Dr Ranfft zu diesem Werk. So ist es leider. Hier ist das Werk in einer schrillen Uhr von Alain Silberstein, die in den neunziger Jahren auf den Markt kam. Man findet das Werk auch in der Eterna Réveil, bei Auguste Reymond oder Montblanc.

Wenn es auch schwer ist, eine solche Uhr zu finden (die viel seltener ist als eine Rolex), kann es sich doch lohnen, eine zu suchen. Also bevor man mehr als 10.000 Euro für Middelhoffs Piaget auf den Tisch legt oder sich eine DeWitt mit eingelegtem Haarschnipsel (0,5 mm) von Napoleon kauft.

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