Hemmungen

Mai 1, 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Das hier ist eine Ankerhemmung. Genauer gesagt: eine Schweizer Ankerhemmung, die englische Spitzzahn-Ankerhemmung sieht ein wenig anders aus. Die Uhr hat noch keine Glucydur Unruhe, sondern – wie man deutlich sehen kann – eine bimetallische aufgeschnittene Schraubenunruh (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Made in England). Heute haben alle Uhren die Schweizer Ankerhemmung, außer manchen Omega Modellen, die eine von dem Engländer George Daniels erfundene Co-Axial Hemmung besitzen. Seit dem 18. Jahrhundert sind eine Vielzahl von Hemmungen für Taschenuhren (und später für Armbanduhren) erfunden worden. Eine ganz spezielle Hemmung soll ein junger französischer Uhrmacher namens Pierre Augustin Caron erfunden haben.

Wir besitzen leider keine von Caron gebaute Uhr mit dieser Hemmung, allerdings wissen wir, dass auch Carons Schwager Jean-Antoine Lépine einige Uhren mit einer solchen Doppelkomma Hemmung gebaut hat (und das Standardwerk Watchmakers and Clockmakers of the World von G.H. Baillie kennt noch einige andere Namen). Lépine ist einer der berühmtesten Uhrmacher in der Zeit, die von Lépine bis Breguet die große Zeit der französischen Uhrmacherei ist. George Washington wird eine Lépine besitzen (lesen Sie ➱hier mehr).

Die führenden Nationen der Uhrmacherei heißen im 18. Jahrhundert Frankreich und ➱England, wo ➱John Harrison die genaueste Uhr der Welt (mit einer ➱Grasshopper Hemmung) baut. Und solch ein Chronometer von John Arnold wie hier auf dem Bild kann bei guter Pflege nach über zweihundert Jahren noch gute Gangwerte erbringen. Die Schweiz ist noch lange nicht auf der Landkarte der Haute Horlogerie, von Deutschland ganz zu schweigen. Der Sohn des Hofuhrmachers André-Charles Caron ist uhrmacherisch nur ein klitzekleines Licht, die Doppelkomma Hemmung, die er angeblich erfunden hat, wird sich nicht durchsetzen. Wenn Sie mehr zu dem Thema wissen wollen, dann empfehle ich die Lektüre von Taschenuhren aus vier Jahrhunderten: Die Geschichte der französischen Taschenuhr von Adolphe Chapiro.

Pierre Augustin Caron heiratet eine junge Witwe namens Madeleine-Catherine Aubertin, die ein Grundstück besitzt, das den Namen le Bois Marchais trägt. Und daraus macht Caron dann ein de Beaumarchais. Im Vermarkten seiner selbst ist er ein Meister. Er entwirft sich auch ein Adelswappen, ein ganz klein wenig größenwahnsinnig ist er schon. Ob er wirklich eine Doppelkomma Ankerhemmung erfunden hat, ist auch nicht so klar, wie es der Wikipedia Eintrag darstellt. Die rührende Geschichte, dass der Hofuhrmacher Jean André Le Paute ihm die Erfindung geklaut habe, ist nicht so ganz wahr.

Denn dieser Le Paute (auch Lepaute geschrieben) ist ebenso wie Carons Vater André-Charles Caron ein bedeutenderer Uhrmacher als unser junges Genie. Er hatte schon 1750 die Kommahemmung für Spindeltaschenuhren gebaut und 1753 die Scherenhemmung verbessert. Und dann ist noch der Uhrmacher Jean Romilly, der mit Rousseau befreundet ist und gelehrte Artikel schreibt. Er präsentiert der Académie des Sciences eine verbesserte Doppelkomma Hemmung. Aber keiner von ihnen hat die Wortgewandtheit von Caron (Bild), der mit seiner Behauptung, dass alle ihn beklaut haben, in der Öffentlichkeit siegt. Bis heute.

Die Kommahemmung hat ihren Namen nach dem Impulsfinger an der Unruhwelle, der wie ein Komma aussieht. Man kann sehen, dass an dieser Stelle die Unruhwelle nur halb so dick ist. Baut man nun zwei Impulsfinger (Doppelkomma) an die Unruhwelle, wächst die Fläche der halbierten Unruhwelle. Die Unruhwelle wird zu schwach. Die angeblich großartige Erfindung von Caron ist nichts als eine technische Spielerei, entwicklungstechnisch ein Rückschritt.

Und der Satz Mit zwanzig erfand er einen neuen Mechanismus für die Ankerhemmung von Taschenuhren, wodurch der Bau deutlich kleinerer und ganggenauerer Uhren möglich wurde, die so genannte Doppelkommahemmung im Wikipedia Artikel ist haarsträubender Unsinn. Mit einer Doppelkommahemmung wird eine Spindeltaschenuhr keinen Millimeter kleiner.

Während sich offensichtlich ganz Frankreich echauffiert, wer denn nun zur Verbesserung der Kommahemmung beigetragen hat, macht ein Engländer namens Thomas Mudge stillschweigend die größte Erfindung in der Geschichte des Uhrenbaus. Er erfindet das lever escapement, die Ankerhemmung, die in England im Unterschied zu der Schweizer Ankerhemmung einen geraden Anker besitzt. 1755 erfunden, wird diese Erfindung noch einige Zeit bei ihm in der Schublade liegen, bevor er für den König die erste Uhr mit Ankerhemmung baut (lesen Sie mehr in dem Post ➱Precision Class).

Pierre Augustin Caron wird die Uhrmacherei aufgeben und sich unter dem neuen Namen de Beaumarchais der Theaterbühne zuwenden. Unter anderem schreibt er das fünfaktige Theaterstück La folle journée ou le Mariage de Figaro. Wird heute nicht so häufig gespielt wie Mozarts Oper Figaros Hochzeit (die am 1. Mai 1786 im Wiener Burgtheater ihre Uraufführung hatte). Und zu dem Thema kann ich Ihnen jetzt einiges anbieten. Ich hätte da einen schönen Post, der ➱Hochzeitsvorbereitungen heißt. Mit vielen CD Empfehlungen. Den habe ich am 1. Mai 2010 geschrieben, da war ich als Blogger noch jung und unbekannt. Aber ich habe noch mehr. Zum Beispiel dies:

SALIERI. Was ist?

MOZART. Gesteh’s nicht gerne ein …
SALIERI. Ja, was denn!
MOZART. Bei Tag und Nacht lässt mich nicht mehr in Ruh
Mein schwarzer Mann. Wo ich auch geh und steh,
Verfolgt mich dieser Schatten. So auch jetzt
Hab ich’s Gefühl, er säß bei uns selbdritt.
SALIERI. Genug davon. Was für ein Kinderschreck!
Zerstreu die leeren Sorgen. Beaumarchais
Sprach einst zu mir: »Nun, hör mal, Freund Salieri,
Wirst du von schwarzen Sorgen übermannt,
Dann öffne eine Flasche von Champagner
Und lies in meiner Hochzeit Figaros«.
MOZART. Ja! Beaumarchais und du warn gute Freunde;
Du hast für ihn »Tarare« doch komponiert,
’ne tolle Sache. Drin ist ein Motiv …
La la la la … Ach stimmt es wohl, Salieri,
Dass Beaumarchais jemand vergiftet hat?
SALIERI. Das glaub ich nicht: er schien mir viel zu lustig
Für solch Gewerbe.
MOZART. Ein Genie auch er,
Wie du und ich. Genie und Missetat
Sind völlig unvereinbar. Ist’s nicht so?
SALIERI. Ach, denkst du das?
(Er wirft Gift in Mozarts Glas)
Nun trink schon aus.
MOZART. Auf deine
Gesundheit, Freund, auf diesen wahren Bund,
Der Mozart und Salieri eng verknüpft.
Zwei Söhne echter Harmonie.

Das fand sich vor Jahren in dem eigentlich sehr witzigen Post mit dem Namen ➱Europa. Das Theaterstück, in dem sich dieser Dialog findet, ist übrigens von keinem Geringeren als Puschkin. Und dann habe ich da noch den Post ➱Opernhaus Hannover, der die Aufnahme von Teodor Currentzis von Le Nozze Di Figaro über den grünen Klee lobt. Dazu stehe ich (wie auch zu den Empfehlungen, die sich in Hochzeitsvorbereitungen finden), ich habe sie seitdem bestimmt ein Dutzend Mal gehört. Und dann gibt es noch, und das ist nun wirklich ein Schmankerl, den schönen Post ➱The marriage of Figaro, der eine völlig schräge englische Inszenierung der Oper anpreist. Dieser hübsche Cartoon von Sempé mit dem kleinen Nicolas in der Oper gehört eigentlich nicht zu Mozart, er gehört zu der ➱Geschichte aus dem Figaro. Der sich nach dem Figaro von Beaumarchais benannt hat. So passt das doch. Sempé (der ➱hier einen viel gelesenen Post hat) passt eigentlich immer.

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