Die letzte Omega

Februar 23, 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

 

Diese Uhr ist nicht jedermanns Sache. Edelstahl mit integriertem Band. Zifferblatt, das einem TV Screen ähnelt (es gab das Modell offensichtlich in einer runderen Version – und auch mit blauen Zifferblättern). Es ist dieser coole siebziger Jahre Retro Style, der heute schon wieder akzeptabel ist. Wenn man lange genug wartet, kommt alles wieder (nur die geliebten Frauen aus der Vergangenheit nicht). Und wenn man lange genug wartet, kommt auch das schönste Wetter. Mir fällt bei Sätzen mit dem Wiederkommen (hatte nicht ➱Kierkegaard bewiesen, dass die Sache mit der Wiederholung nicht so richtig funktioniert?) immer dieser wunderbare Dreizeiler von ➱Uli Becker ein:

Gott ja, die Postmoderne, sagt der Minirock

zum Existenzialistenrolli, anything goes

und alles kommt wieder, für 15 Minuten.

Wobei ich sagen muss, dass ich in der letzten Zeit kaum Miniröcke oder Existentialistenrollis gesehen habe. Die Uhr in dem Absatz da oben, kann man viel häufiger sehen. Geben Sie einfach bei Google Bilder ‚Omega Seamaster 366.0845‘ ein. Ich weiß nicht, ob das hier als Minirock durchgeht, aber das Bild gibt mir die Möglichkeit, Cindy Crawford mal eben mit Verspätung zum fünfzigsten Geburtstag zu gratulieren. Ich hätte ja auch ein Bild von Jessica Ennis-Hill hier einstellen können, die trägt zwar für die Omega Werbung einen kürzeren Rock, aber ich weiß nicht, wann die Geburtstag hat.

Die Omega im obersten Absatz ist eine Omega Seamaster, und wenn alle Daten von Gehäusenummern und Werknummern nicht täuschen, dann ist dies eine der letzten Omegas. Weil Omega im Jahr 1984 der Fédération de l’industrie horlogère suisse mitteilt, dass man leider den Manufakturstatus aufgeben muss. Manufaktur ist man, wenn man eigene Werke herstellt, jetzt schalt man bei Omega (die gerade zusammen mit der Konzernschwester Tissot Teil der Swatch Group geworden war) nur noch Fremdwerke ein. Es wird bis zum Jahre 2011 dauern, dass Omega mit dem Kaliber 8500 (Bild) wieder ein Manufakturwerk bauen wird (das zuletzt verwendete Kaliber 2500 war nur ein aufgerüschtes ETA Werk).

Das einzig Positive, was die Omega Firmengeschichte für das Jahr 1985 aus Deutschland berichten kann, ist, dass der Professor Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik eine Omega Constellation Manhattan am Arm trägt. Hier ist sie im Bild, die hässlichste Constellation, die je gebaut wurde, eine Quarzuhr noch dazu. Zehn Jahre zuvor war Deutschland der Ort einer der größten Fehlentscheidungen der Firma gewesen. Man hatte beschlossen, Omega Uhren nicht mehr allein über den Fachhandel zu verkaufen, sondern auch die Kaufhäuser zu beliefern. Wenn man eine Omega bei Hertie kaufen kann, trägt das nicht unbedingt zum Nimbus der Marke bei. In der Firmenchronik Omega Saga von Marco Richon steht dann Jahrzehnte später: C’est l’année de l’aventure des grandes magasins, qui tournera rapidement au désastre.

Uhrmacherisch ist der Gigant Omega 1984 am Ende. Wie viele kleine Firmen. In ähnlicher Krise steckte Omega schon einmal in den zwanziger Jahren, als es noch keine Quarzuhren gab, die die Schweizer Uhrenwelt erschütterten. Zwar hatte der Amerikaner Warren Alvin Marrison schon 1929 eine Quarzuhr gebaut, aber die war so groß, dass man sie nicht am Arm tragen konnte. Im gleichen Jahr schlossen sich Tissot und Omega zur Société Suisse pour l’Industrie Horlogère SA (SSIH) zusammen.

Omega stand 1929 vor der Pleite. Bei der Firma Tissot, die im Rußlandgeschäft mit Uhren für den Zaren groß geworden war (dies hier ist allerdings nicht the real thing sondern eine Nachbildung), hatte man Geld. Madame Marie Tissot pflegte noch Jahrzehnte später im Aufsichtsrat die Vertreter der inzwischen viel mächtigeren Konzernschwester Omega daran zu erinnern, wer sie damals gerettet hatte. Die Enkelin des Firmengründers, die wie ihr Bruder Paul noch in Russland geboren wurde, hat fünfundfünfzig Jahre für die Firma gearbeitet, deren Namen sie trug. Die Firmengeschichte von Tissot kann man in dem Buch Tissot: 150 Jahre Geschichte 1853-2003 von Estelle Fallet nachlesen.

Das Gehäuse von der Omega Seamaster kam von der Bieler Firma Maeder-Leschot. Über die man im August 1977 lesen konnte: Der Presse ist zu entnehmen, dass wegen der andauernden Rezession und des ungenügenden Auftragseinganges die Firma Maeder-Leschot SA sich genötigt sieht, die Uhrenschalenfabrikation einzustellen. Am Ende des Jahres kaufte Omega die Firma, doch Ende August 1984 wurde Maeder-Leschot geschlossen und die dort seit der letzten Restrukturierung verbliebenen 66 Arbeitnehmer entlassen. Konkurse sind in der Schweizer Uhrenindustrie keine Seltenheit, die Uhrenfirma in Schaffhausen, die im Dezember 1879 dieses Plakat aushängte, hat sich inzwischen wieder erholt.

Der Amerikaner F.A. Jones (lesen Sie ➱hier mehr über ihn) hatte gehofft, dass die USA die während des Bürgerkriegs erhobenen Schutzzölle nach dem Krieg aufheben würden. Dann hätte er seine Swiss Made amerikanischen Taschenuhren (hier ein Kaliber Jones) in die USA exportieren können. Aber er hätte wissen sollen, dass Regierungen niemals Zölle und Steuern wieder aufheben. Die Sektsteuer wurde in Deutschland eingeführt, damit Willem zwo seine Schlachtschiffe bauen konnte. Die Sektsteuer haben wir heute immer noch, aber kein einziges Schlachtschiff.

Dieser Herr, in einem Werk der Firma photographiert, steht heute für Omega. Weil James Bond neuerdings Omega trägt. Als er geboren wird, beginnt die Quarzkrise. Es gibt viele Gründe für den schleichenden Untergang der Firma, die vor der großen Krise 1970er Jahre 3.000 Beschäftigte hatte und ca. 1,7 Millionen Uhren im Jahr baute. Es gibt zu viele Modelle und zu viele verschiedene Uhrwerke. Und zu viele Direktoren. Mit zu dem Ruin von Omega beigetragen hat das Uhrwerk in der Seamaster, das die Kalibernummer 1000 trägt.

Ein potthässliches Werk, das nichts von der Schönheit des Kalibers 551 hat (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Officially Certified). Aber man wollte partout ein flacheres Werk haben, das Kaliber 551 war 4,5 Millimeter hoch, das Kaliber 1000 maß nur 4,35 Millimeter. Leider funktionierte es selten. Omega konstruierte es um, es hieß dann 1010 oder 1020. Hatte eine Höhe von 4,8 Millimetern. Da fragt man sich, wozu der ganze Aufwand, der Millionen verschlang?

Bei Omega hieß es: Calibers 1010 to 1022 have been developed on mathematical bases. Indeed, a method of calculation has been perfected in our laboratories whereby maximum data is obtained with regard to the chief features of the various movement parts. Thus, having the most information possible, the constructor is able to  carry out his research under better-controlled conditions than previously. Trial series have confirmed the advantages of this method for, with the said caliber, we are securing timekeeping results which have as yet never been achieved by movements of the same category. Moreover, let us mention that, if this new caliber presents obvious similarities to caliber 1000, it has nevertheless been entirely reconceived and can in no way be compared with it.

Die Uhrenindustrie ist (wie die Automobilindustrie) ja immer auf der Suche nach Neuerungen, das Rad muss immer wieder neu erfunden werden. Bewährte Konstruktionen bedeuten nichts. Obwohl man die ideale Größe von Uhrwerken kannte, wollte man immer flachere und kleinere Werke bauen. Der Chefkonstrukteur der IWC Albert Pellaton hatte sich einst geweigert, ein flacheres Werk zu konstruieren. Die Besitzer einer IWC mit dem Kaliber 401 wissen weshalb. Sie können mehr zu diesem Thema in dem Post ➱Max Bill lesen. Wenn man bedenkt, dass die Gehäuse in den siebziger Jahren immer voluminöser wurden, weshalb dann das Streben nach flacheren Werken?

Rolex hat übrigens diesem Streben nie nachgegeben, ihre Automatikwerke waren beinahe sechs Millimeter hoch. Ein Millimeter mehr oder weniger macht bei den massiven Gehäusen nichts aus, da hätte man wahrscheinlich noch ein zweites Werk einbauen können. Ich muss jetzt einmal Rolex loben – nachdem der Post ➱Rolex die Freunde der Marke so vergrellt hat. Es ist, was die Langlebigkeit von Uhren betrifft, nur vernünftig, größere und höhere Werke zu bauen. Und als man bei Omega endlich die 1010er und 1020er Kaliber baute (die drei Millimeter höher waren als das 551er), war für Omega die Welt wieder in Ordnung. Bis zu dem Augenblick, als sie keine Manufakturwerke mehr bauten.

Was das Design betrifft, so verrät die Omega Seamaster mit der Modellnummer 366.0845 natürlich, dass sie aus der Dekade des schlechten Geschmacks kommt. Ist eine Art Patek Nautilus für Arme (links das Patek Modell aus dem Jahre 1976, rechts die von 2006). Mein Kumpel Keith hat eine Patek Nautilus in Platin, wäre mir zu schwer. Er hat sie einem Typen abgekauft, der mit der Patek durch ganz Südamerika getrampt ist. Sein Freund trug auf der Reise eine goldene Rolex. Am Ende der Reise hatte er die nicht mehr. Nur der Comandante Che Guevara kommt mit einer Rolex unbehelligt durch Südamerika. Die Räuber verschmähten die Patek aus Platin. Sie hielten die für eine Seiko. Das ist designmäßig das Schlimmste, was passieren kann.

Kann einem bei meiner Seamaster (die glücklicherweise das Kaliber 1020 in ihrem stählernen Gehäuse hat) nicht passieren. Hier steht Omega drauf. Und sie hat das Omega Symbol im Glas und auf der Krone. Und hat auf dem Boden dieses Seeungeheuer, das natürlich kein Seepferdchen, sondern ein ➱ἱππόκαμπος ist. Die letzte echte Omega mit Day-Date und Sekundenstopp ist mir lieb und teuer, vor allem, weil sie nicht teuer war. Mein Uhrmacher hat sie mir vor vielen Jahren geschenkt. Der Kunde, der sie zur Revision gebracht hatte, hat sie nie abgeholt. Als der Uhrmacher ihn anrief, sagte der, dass er die Uhr niemals wieder zurückhaben wollte. Mein Uhrmacher konnte viele Geschichten von seltsamen Kunden erzählen.

Am besten hat mir die Geschichte von der Rolex gefallen, die ein Kunde drei Jahre nicht abgeholt hatte. Es stellte sich heraus, dass der Mann die Uhr zur Revision gebracht hatte, bevor er eine mehrjährige Haftstrafe antrat. Bei einem Uhrmacher ist sie sicherlich besser aufgehoben als im Gefängnis. Das sagt jetzt aber nichts über Rolex Besitzer im Allgemeinen aus. Und ich sage auch nichts dazu, dass der Rolex Liebhaber Karl-Heinz Rummenigge vorbestraft ist. Aber wenn man mal beobachtet hat, wie ein Loddel aus Essen eine Rolex kauft und die 500er Scheine aus der Lederjacke holt, während sein Kumpel draußen den Amischlitten (auf dem Bürgersteig geparkt) mit dem Gasfuß am Laufen hält, dann macht man sich schon seine Gedanken über Rolex Besitzer.

Der gerade freigelassene Rolex Besitzer hatte an seiner Rolex übrigens ein Stahlband von Tissot angebracht. Ich dachte mir, dass er ein Kenner sein musste, denn in den siebziger Jahren waren die Stahlbänder von Tissot einwandfrei besser als die von Rolex (dazu gibt es ➱hier einen Post). Häufig kamen sie (zum Beispiel bei den T12 Modellen) von der Firma Gay Fréres, dem Nonplusultra der Uhrenbänder. Rolex hat die Firma vor Jahren gekauft, wahrscheinlich, weil man die jahrzehntelange Meckerei über die miese Qualität der Rolex Bänder nicht mehr aushielt.

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